Vortrag zum Gedenken an NS-„Euthanasie“-Opfer / Fragen zum Selbstbestimmten Leben und Sterben

Wenn aus Mitleid Mord wird

+
„Was bringt Menschen dazu, psychisch Kranke systematisch umzubringen?“ Sozialpsychologe Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner erforscht schon lange die Geschichte der Euthanasie, fand jedoch keine Antwort auf diese Frage.

HEILIGENHAFEN (wob) · Einen „Ausflug in den Keller des menschlichen Umgangs miteinander“ machte das Publikum des Vortragsabends „Tödliches Mitleid“ im Kirchsaal der Ameos-Klinik Heiligenhafen. Der renommierte Sozialpsychologe Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner erläuterte die Vorgeschichte des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms, in dessen Rahmen körperlich und vor allem geistig kranke Menschen systematisch getötet wurden.

Glockengeläut markierte den Beginn des Vortragabends am Dienstag. Diese Glocke, die auch an jedem Sonntag den Gottesdienst im Ameos-Kirchsaal begleitet, trägt eine Inschrift zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Mordaktionen. Denn obwohl die Heiligenhafener Einrichtung keine „eigene“ NS-Vergangenheit habe, sei sie durch ihr Wirken eng verbunden mit den Leidtragenden der zu dieser Zeit begangenen Gräueltaten, erklärte Pastor Dr. Ronald Mundhenk in seiner Eröffnungsansprache. Daher gedenke man in Heiligenhafen bereits seit 15 Jahren derer, die dem „Euthanasie“-Programm der Nazis zum Opfer gefallen waren.

▪ Aufwühlende Klavierklänge

Musikalisch eindrucksvoll untermalt wurde der Abend von der japanischen Pianistin Tomoe Maruyama, die ihre Zuhörer zunächst mit dem Stück „In der Nacht“ von Robert Schumann konfrontierte. Das aufwühlende Klavierstück versetzte das Publikum in die passende Stimmung, denn was folgte, war die Frage Dörners, was Menschen dazu führen könne, psychisch Kranke systematisch umzubringen. Eine Frage, die ihm selbst – auch nach langem Forschen – unbeantwortbar blieb.

So hatten sich etwa die für das NS-„Euthanasie“-Programm verantwortlichen Psychiater bei ihren Gerichtsprozessen rechtfertigt, sie hätten „aus Mitleid“ gehandelt. Dieses Motiv entstammte aus der Unerträglichkeit der Leiden, die die Kranken bei ihren Ärzten auslösten. Aus dem Wunsch, das Leiden dieser – meist unheilbar kranken – Menschen zu beenden, wurde das Konzept vom „Tod als Wohltat“, der Euthanasie (griechisch für „guter, schöner Tod“) geboren.

Tatsächlich stamme dieses Gedankenmuster jedoch nicht aus der Nazizeit, wie Dörner erläuterte; denn bereits im beginnenden 19. Jahrhundert sei der Grundstein für die Euthanasie gelegt worden. Denn mit dem Beginn der Industrialisierung bemaß sich der Wert des menschlichen Lebens in den Augen der Gesellschaft zunehmend daran, wie leistungsfähig jemand war. Folglich wurden kranke und schwache Menschen, die nicht gut „funktionierten“, als minderwertig oder – später bei den Nazis – sogar „unwert“ angesehen. Diese Entwicklung habe dann zur Zeit des ersten Weltkrieges zur absichtlichen Unterernährung Kranker geführt. Diesem „ersten staatlich organisierten Mord“, wie Dörner es bezeichnete, fielen etwa 70 000 Menschen zum Opfer. Zwar haben man in den Kriegstagen die Notwendigkeit gesehen, den „Ballast“ dieser Kranken und Schwachen loszuwerden, doch der Bevölkerung sei hier vorgegaukelt worden, man tue diesen Menschen einen Gefallen, wenn man sie aus ihren „unwerten Leben“ erlöse, erklärte Dörner.

Das Mitleids-Argument ziehe sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des systematischen Tötens; dadurch werde der Deckmantel der Moral über das Morden gelegt, so der Sozialpsychologe. Im Bereich der schmerzenslindernden Palliativmedizin sei dies bis heute ein schwerwiegendes Problem, denn es sei ungemein schwierig, abzuwägen, wann ein Leben erhalten werden und wann man einen unheilbar Kranken besser sterben lassen sollte. Insbesondere die Frage der Selbstbestimmung wurde an dieser Stelle aufgegriffen: Hat ein chronisch erkrankter Mensch ein „Recht“ auf den Tod? Und wer bestimmt, wenn sich ein Kranker nicht mehr selbst äußern kann, beispielsweise bei Demenz?

So düster der Blick auf die Geschichte der Euthanasie auch war, gab der folgende Blick in die Zukunft Grund zur Hoffnung: Wie aus Studien der letzten 30 Jahre hervorgehe, wachse die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung gegenüber Krankheit und Tod stetig an, erklärte der Sozialpsychologe. Dadurch rücke das Wohlergehen kranker Mitmenschen stärker in den Fokus; dem Konzept der Euthanasie werde so der gesellschaftliche Rückhalt entzogen.

▪ Mitgefühl statt Mitleid

Mit dieser Entwicklung gehe auch die steigende Zahl an Hospizbewegungen sowie freiwilliger Betreuer einher. In dieser Hinsicht spielen auch Institutionen wie das Ameos-Klinikum eine wichtige Rolle, betonte Dörner. Hier trete Mitgefühl an die Stelle von Mitleid, fasste der Sozialpsychologe die positive Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte zusammen.

Mit dem Schumann-Stück „Traumes Wirren“ unterstrich Tomoe Marumaya mit ihrem Instrument den Vortrag; das zwischen schweren, getragenen Passagen und beinahe heiteren Melodien oszillierende Werk ließ das zuvor Gehörte noch einmal in akustischer Form vor-überziehen.

Im Anschluss rief Pastor Dr. Mundhenk zu einem kurzen Austausch über die Themen des Vortrags auf. Auch hier gab es interessante Fragestellungen aus dem Publikum zum Selbstverständnis der Palliativmedizin sowie der Selbstbestimmung kranker Menschen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.