1. Fehmarnsches Tageblatt
  2. Heiligenhafen

Nach Übergabe: Wird Hausarztpraxis von Heiligenhafen nach Großenbrode verlegt?

Erstellt:

Von: Peter Foth, Patrick Rahlf

Kommentare

Schild der Praxis von Dr. Jürgen Johansson
Die Praxis von Dr. Jürgen Johansson hat zwar einen Nachfolger gefunden, ob sie aber dauerhaft im Thulboden 38 bleibt, ist ungewiss. Ein Antrag auf Verlegung wurde bereits wenige Wochen nach der Übernahme gestellt. © Peter Foth

Im Oktober übergab Dr. Jürgen Johansson seine Hausarztpraxis im Heiligenhafener Thulboden an Dr. Sebastian Möhle. Dieser hat nun eine Verlegung nach Großenbrode beantragt – zum Unmut des früheren Betreibers.

Heiligenhafen – Es ist nicht immer leicht, auf dem Land einen Nachfolger für eine Allgemeinarztpraxis zu finden. Deshalb war Dr. Jürgen Johansson froh, Anfang des Jahres mit Dr. Sebastian Möhle, der bereits eine Hausarztpraxis in Großenbrode betreibt, einen Nachfolger gefunden zu haben, der die Praxis im Thulboden 38 im Herbst übernommen hat. Auch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) mit Sitz in Bad Segeberg hatte der Praxisübernahme zugestimmt. 

Wie Dr. Jürgen Johansson, der in der vereinbarten Übergangszeit noch aktiv mitgearbeitet hat, gegenüber unserer Zeitung sagte, sei die Praxisübergabe vor dem Hintergrund genehmigt worden, dass der Versorgungsauftrag für die Patienten in Heiligenhafen weiter gegeben sei. Doch mittlerweile hat Dr. Möhle einen Antrag auf Verlegung der Praxis nach Großenbrode gestellt, über den der Zulassungsausschuss der KVSH am 9. Februar entscheiden wird.

„Erfüllt nicht die Absprachen“

„Dr. Möhle hat mir gegenüber am 3. Dezember erklärt, dass er die Praxis zum Jahresende schließen wolle und die Heiligenhafener Patienten in Großenbrode versorgt werden könnten. Das ist nicht im Sinne meiner Patienten und erfüllt nicht die getroffenen Absprachen. Unter diesen Umständen hätte ich dem Arztwechsel nicht zugestimmt“, stellte der 73-jährige Jürgen Johansson klar. 

Dr. Sebastian Möhle hat gegenüber der HP bestätigt, dass es die Absprache zur Fortführung der Praxis im Thulboden noch im Mai dieses Jahres bei Vertragsunterschrift gegeben hat. „Eine Verlegung des Praxisstandortes aus Heiligenhafen heraus war nicht beabsichtigt, es gab ein bindendes Versprechen. Doch irgendwann habe ich die Reißleine ziehen müssen und Herrn Dr. Johansson Anfang Dezember davon unterrichtet.“ 

Wir haben wirklich alles probiert. Der Antrag auf Praxis-Verlegung ist aus einer dramatischen Zwangslage heraus gestellt worden

Dr. Sebastian Möhle

Möhle spielt auf längere krankheitsbedingte Ausfallzeiten seines Personals in Großenbrode sowie eine erhebliche Corona-Mehrbelastung an, zudem sei die monatelange Suche nach medizinischen Fachangestellten für den neuen Standort in Heiligenhafen erfolglos gewesen. „Wir haben wirklich alles probiert. Der Antrag auf Praxis-Verlegung ist aus einer dramatischen Zwangslage heraus gestellt worden“, argumentierte Möhle, der nach eigener Aussage bereits viel Geld in die Praxis im Thulboden gesteckt hat.  

Verlegung innerhalb eines Planungsbereiches ist erlaubt

Die Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung teilte auf Nachfrage mit, dass es nach der Zulassungsverordnung erlaubt ist, einen Praxissitz innerhalb eines Planungsbereiches (hier: Mittelbereich Oldenburg) zu verlegen, wenn Gründe der vertragsärztlichen Versorgung dem nicht entgegenstehen. Eine Sitzverlegung muss beim Zulassungsausschuss beantragt und von diesem genehmigt werden.  

Der Pressesprecher der KVSH, Marco Dethlefsen, sagte weiter: „Einen Versorgungsauftrag gesondert für einzelne Orte wie Heiligenhafen gibt es grundsätzlich nicht. Die Versorgung orientiert sich laut der Bedarfsplanung an Planungsbereichen, bei der hausärztlichen Versorgung sind es Mittelbereiche. Der Versorgungsgrad für den Mittelbereich Oldenburg liegt bei 117,7 Prozent und damit über der 110-Prozent-Grenze, wodurch der Planungsbereich für zusätzliche Hausärzte gesperrt ist. Es sind 2,5 Ärztestellen oberhalb der Sperrgrenze, der Planungsbezirk gilt damit als überversorgt.“

Dr. Johansson hat Widerspruch eingelegt

Inzwischen hat Dr. Jürgen Johansson Widerspruch beim Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein eingelegt und möchte seine Zulassung als Facharzt für Allgemeinmedizin für Heiligenhafen zurückhaben. Der in gutem Glauben erfolgte Verzicht auf den Arztsitz bringe ihn persönlich in eine schwierige Lage, erklärte er der HP. Es sei für seine Patienten nur schwer vorstellbar, dass er von der geplanten Praxisverlegung nichts gewusst habe, sagte Johansson. Das führe zu Unverständnis bei Patienten und Kollegen und zu Erklärungsnot, so der enttäuschte Mediziner.

Doch wie geht es nun kurzfristig weiter im Thulboden 38? „Dr. Marcus Ober wird die Praxis in Anstellung weiter betreiben und wenn der Antrag auf Verlegung vom Zulassungsausschuss abgelehnt wird, sind wir gezwungen, die Praxis an Ort und Stelle in Heiligenhafen auch über den 1. April hinaus weiter zu betreiben“, erklärte Dr. Möhle. 

Für den Fall, dass einer Verlegung nach Großenbrode von der KVSH zugestimmt wird, habe es bereits gute Gespräche mit anderen Hausärzten aus Heiligenhafen gegeben, die sich bereiterklärt hätten, Patienten aufzunehmen, die den Weg zur „Praxis am Dorfteich“ nicht auf sich nehmen können oder wollen, so Dr. Möhle abschließend.

Auch interessant

Kommentare