"Stellen Sie den Dorsch auf grün!" / Diskussion nach Präsentation des WWF zog weite Kreise

WWF-Einkaufsführer liegt den Fischern schwer im Magen

Die „Grande Dame“ des Landesfischereiverbandes, Geschäftsführerin Gretel Flindt (r.), überreicht Referentin Karoline Schacht nach den hitzigen Diskussionen noch ein Blümchen. Immerhin war es ihr Geburtstag, an dem sie sich den Vorwürfen der Fischer stellen musste. Foto: Schmalfeldt

HEILIGENHAFEN (saj)  • Die Diskussionen auf der Jahreshauptversammlung des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein im „Gill-Hus“ erweckten beinahe den Eindruck, als sei der WWF (World Wide Fund For Nature) eine Institution gegen die Fischer und nicht für den Naturschutz.

Jedenfalls verhärteten sich die Fronten zwischen der Referentin des WWF Hamburg, Karoline Schacht, und den anwesenden Fischereimeistern so stark, dass diese sich durch den WWF in ihrer Existenz bedroht fühlten.

Besonders der Ostseedorsch erfährt vom WWF einen hohen Schutz. Sehr zum Ärger der Fischer. Der Dorschbestand habe sich in der Ostsee erholt, dennoch nehme der WWF seinen Kaufboykott nicht zurück. Weiterhin würden die Verbraucher mit einem Einkaufsführer im Ampelsystem (der Dorsch ist rot markiert) zum Kauf von anderen, zum Teil importierten Fischarten aufgefordert. Für die Mitglieder des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein ist es unverständlich, dass Tiermehl exportiert und Pangasius importiert wird. Dieser Handel sei ökologisch und ökonomisch nicht vertretbar, so die anwesenden Fischer.

Der Pangasius ist ein Süßwasserfisch aus der Familie der Haiwelse oder Schlankwelse, der die Flusssysteme des Mekong und Chao Phraya in Thailand, Vietnam, Laos und Kambodscha besiedelt. Traditionell wird die Art befischt, jedoch wird sie auch seit einigen Jahren zunehmend in südostasiatischen Aquakulturen gezüchtet und weltweit als Speisefisch vermarktet. Diese Entwicklung stößt bei den schleswig-holsteinischen Fischereimeistern auf Unmut.

Der Vortrag von Karoline Schacht sollte sich auf die Reduzierung von Beifang beziehen. Nach ihrer Präsentation hatten die Anwesenden noch die Möglichkeit Fragen zu stellen und Anmerkungen abzugeben. Die Diskussion nahm dabei schnell Gestalt an.

Dr. Peter Breckling, Generalsekretär des Deutschen Fischereiverbandes, machte auf ein paar Missstände aufmerksam: „Was ist uns da erzählt worden?“ Lange hieß es, dass sich der Bestand des Ostseedorsches bedrohlich verringert habe, gleichzeitig ist aber zu viel Fisch auf dem Markt. „Dem Dorsch geht es gut“, so Breckling. Der WWF sollte in diesem Zusammenhang seinen Einkaufsführer revidieren. Die Jahrgänge 2005 und 2006 waren starke Jahrgänge, „wer soll die alle kaufen und essen?“ Demnach sollte der WWF nun dazu aufrufen: „Esst mehr Dorsch, sonst wandert der in den Müll!“ „Wenn man den Dorsch nicht fängt“, so Breckling, „dann ist es ganz natürlich, dass sich diese Fische an den Sprotten und den Heringen satt fressen“. Somit hätte man nach dem bedrohlichen Bestand des Dorsches bald einen bedrohlichen Bestand der Heringe und der Sprotten. Diese „Propagandaschlacht“ gelte es im nächsten Jahr zu verhindern, so der Generalsekretär des Deutschen Fischereiverbandes.

Allgemein ist die Situation auf dem Frischfischmarkt derzeit für die Fischer ganz schön hart. Im Vergleich zum Vorjahr erhalten sie im Verkauf oftmals um 30 bis 40 Prozent reduzierte Preise. In Kombination mit einer Kürzung in Bezug auf die Fangquoten ist das für die Fischer ein hartes Stück Brot. Mit weniger gefangenem Fisch und günstigeren Verkaufspreisen sollen sie nun ihre Existenz sichern – nahezu unmöglich. Dass die Wirtschaftskrise ihren Teil dazu beiträgt, ist für alle Beteiligten klar. Gerade deshalb müssten alle an einem Strang ziehen und nicht als Gegenspieler fungieren, so die Forderung. Der WWF mache dem Landesfischereiverband das Leben schwer und erleichtere es Importeuren, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen.

Karoline Schacht wies die Kritik von sich. „Nicht ich habe die Zahlen aufgestellt“, vielmehr nehme der WWF die Zahlen von der ICES (Internationaler Rat zur Erforschung der Meere) und alle Empfehlungen beruhten auch auf diesen Zahlen. Flexibilität habe man jedoch bereits gezeigt, indem man den Dorsch sowie den Thunfisch in fünf verschiedene Kategorien aufgeteilt habe und je nach Beifang bewerte.

Dennoch bringt der Landtagsabgeordnete Klaus Klinckhamer (CDU) folgende harte Worte gegen die Vertreterin des WWF auf: „Das ist Ignoranz der gegebenen Fakten“. Die Schwere, in der der Markt beeinflusst werde, sei gravierend, die Politik könne auf keine Preise einwirken, die bestimme der Markt, so Klinckhamer. Und der Markt sei ganz entscheidend beeinflusst durch den Einkaufsführer des WWF. Auch Bernd Schröder (SPD) findet klare Worte: Fischmehl werde exportiert und billiger Fisch werde importiert, „das kann es nicht sein, dagegen sollte sich der WWF einsetzen.“ Ebenso Günther Hildebrand (FDP): „Existenzen können gefährdet werden, gerade deshalb muss der WWF falsche oder überholte Prognosen richtig stellen.“

Und was sagt Bürgermeister Heiko Müller zu diesem Sachverhalt? Heiligenhafens Verwaltungschef steht hinter seinen Fischern. Viele Touristen verbinden einen Aufenthalt mit dem Besuch am Hafen. Das Fischen erleben gehöre dabei einfach dazu.

Ulrich Elsner, Geschäftsführer der Heiligenhafener Fischverwertung, sieht das Fehlen der Weiterverarbeitung als „springenden Punkt“. Wo werden in Deutschland noch Fische weiterverarbeitet? „Die Wertschöpfung fehlt“, so Elsner. Man müsse an den Punkt gelangen, an dem die regionale Vermarktung des Produktes in Kombination mit dem Tourismus an Wert gewinne. Dazu gehöre ein Ausbau eines Geschäftes ebenso wie ein regionaler Handel. Ein regionaler Handel würde durch ein Gütesiegel die Qualität sichern. „Diesen Ausbau schaffen wir nicht alleine, sondern alle nur gemeinsam“, so Elsner. Besonders die kleinen Kutter seien in diesem Zusammenhang von touristischer Bedeutung, da man dort das Fischen hautnah erleben könne.

Am Ende herrschte Einigkeit, dass man sich gemeinsam an einen Tisch setzen und über Lösungen dieser Probleme beraten müsse.

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