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Russland droht Schweden und Finnland – lokale Experten reagieren kühl

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Von: Florian Naumann

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Wladimir Putin 2010 vor einer schwedischen Flagge
Wladimir Putin 2010 vor einer schwedischen Flagge - der damalige Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt war zu Besuch in Moskau. © IMAGO/ITAR-TASS

Schweden und Finnland denken an den Nato-Beitritt. Bringt er eine größere (nukleare) Gefahr oder Sicherheit? Experten reagieren kühl auf Kreml-Drohungen.

Stockholm/Moskau – Welche Gefahr geht von Russland aus? Und wie ist ihr am besten beizukommen, mit Entgegenkommen oder Konfrontation*? Vor dieser Frage steht dieser Tage die westliche Welt. Gerade Finnland und Schweden: Die beiden skandinavischen Länder liebäugeln nach jahrzehntelanger „Bündnisfreiheit“ mit einem Nato-Beitritt. Aus Russland kommen deshalb neue Drohungen. Schwedische Militärexperten beschwichtigen jedoch – zumindest teilweise.

Russland droht Finnland: „Nicht mal eine Mücke würde zu unserer Grenze fliegen wollen“

Der Kreml jedenfalls warnte Finnland und Schweden* erneut vor den „Konsequenzen“ eines möglichen Nato-Beitritts. Helsinki und Stockholm müssten „verstehen, welche Folgen ein solcher Schritt für unsere bilateralen Beziehungen und für die europäische Sicherheitsarchitektur insgesamt hat“, erklärte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Freitag in Moskau.

Eine Mitgliedschaft Schwedens und Finnlands in der Nato* würde „wahrscheinlich nicht zur Stärkung (ihres) internationalen Ansehens beitragen“, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums. Die Politik der Blockfreiheit der beiden Länder biete „ein verlässliches Sicherheitsniveau“, während die Mitgliedschaft in einem Militärbündnis „nicht in der Lage ist, ihre nationale Sicherheit zu stärken“. Beide Länder würden „sich automatisch an der Front der Nato wiederfinden“.

Eine etwas defensivere Drohung kam laut dem Sender ITV-News auch aus der Duma, dem russischen Parlament. Finnland sei „voll von Mücken“, wenn das Land der Nato beitrete, werde Russland „seine Sicherheit auf eine Art und Weise garantieren, dass nicht einmal eine Mücke zu unserer Grenze fliegen wollen würde“, zitierte Reporterin Emma Burrows den stellvertretenden Parlamentspräsidenten Piotr Tolstoi.

Schweden und Finnland in der Nato? Putin-Vertrauter droht mit Atomwaffen - Finnland bleibt hart

Der ehemalige russische Präsident und die derzeitige Nummer zwei des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, hatte am Donnerstag gewarnt, dass Russland Atomwaffen in der Nähe der drei baltischen Staaten und Skandinaviens stationieren würde, falls Finnland oder Schweden sich für einen Nato-Beitritt entscheiden. Es müsse „die Balance wiederhergestellt“ werden.

Die finnische Europaministerin Tytti Tuppurainen nannte es dessen ungeachtet „sehr wahrscheinlich“, dass ihr Land dem westlichen Militärbündnis beitritt. Eine finale Entscheidung sei aber noch nicht getroffen. Sie verwies darauf, dass in Umfragen die Zustimmung der Bevölkerung zu einer Nato-Mitgliedschaft auf 60 bis 70 Prozent gestiegen sei. Vor dem russischen Militäreinsatz in der Ukraine waren es jahrzehntelang nur 20 bis 25 Prozent*.

Nato-Beitritt: Schwedische Experten reagieren kühl auf Drohungen - „Das sagen sie seit 20 Jahren“

Im öffentlich-rechtlichen schwedischen Sender SVT bemühten sich Experten unterdessen um eine nüchterne Einschätzung der Lage. „Das sagen sie seit 20 Jahren“, erklärte der Kriegsforscher Thomas Ries mit Blick auf russische Warnungen vor Gegenmaßnahmen, „das ist nichts Neues, das ist genau dieselbe Formulierung wie zuvor stets“.

Zwar sei es unmöglich, Russlands konkretes Verhalten vorauszusagen. Ries rechnete allerdings damit, dass sich die konkreten Konsequenzen von russischer Seite in Grenzen halten werden. Wie mutmaßlich bereits geschehen, könne der Kreml etwa mit Atomwaffen bestückte Flugzeuge gen Schweden schicken oder Schiffe die Wassergrenzen verletzen lassen. „Aber es gibt nicht viel, was sie konkret unternehmen können. Russland ist in der Ukraine beschäftigt. Ernstzunehmender ist die Gefahr, dass sie Cyberattacken auf die schwedische technische Infrastruktur verüben.“

„Putin wird sicher ein wenig husten und pusten und uns die ein oder andere Stichelei versetzen. (...) Hingegen glaube ich nicht, dass Russland hierher kommt und Menschen tötet.“ 

Der schwedische Verteidigungsexperte Robert Dalsjö zu Russlands Reaktion im Falle eines Nato-Beitritts.

Jakob Westberg, Kollege Ries‘ an der Stockholmer Führungsakademie der Schwedischen Gesamtverteidigung, sprach bei SVT von russischer „Schreckensdiplomatie“. Allein über die Drohungen zu sprechen, spiele Russland in die Karten - das Land wolle Schweden und Finnland beunruhigen und so auf Linie mit den eigenen Wünschen bringen.

Ähnlich äußerte sich Kollege Robert Dalsjö im Boulevardblatt Expressen. „Putin wird sicher ein wenig husten und pusten und uns die ein oder andere Stichelei versetzen“, erklärte er, „Drohnen an andere Orte verlegen, vielleicht wird es Cyberangriffe geben“. Auch Dalsjö rechnete mit „Kränkungen“ wie einem erneuten Eindringen von Flugzeugen in schwedischen Luftraum. „Hingegen glaube ich nicht, dass Russland hierher kommt und Menschen tötet.“ Ein Russland-Experte hatte das in einem Interview mit dem Münchner Merkur allerdings anders gesehen*.

Schweden und Finnland: Meinung zu Nato-Beitritt dreht sich

Das militärische Vorgehen Moskaus in der Ukraine hat sowohl in Finnland als auch in Schweden zu einer dramatischen Kehrtwende in der öffentlichen und politischen Meinung hinsichtlich eines Beitritts zur Nato geführt. Die schwedischsprachige finnische Zeitung Hufvudstadsbladet zitierte zuletzt eine Umfrage, derzufolge fast 85 Prozent der Finnen Russland als militärische Bedrohung wahrnehmen. Dort äußerte ein Experte auch eine These zum Sinken des russischen Flaggschiffs „Moskwa“.

Bislang arbeiten die Länder zwar mit dem Verteidigungsbündnis eng zusammen, sind aber keine Mitglieder. In Schwedens Politik wird derzeit über einen möglichen Beitritt diskutiert, Finnland will in den kommenden Wochen offiziell über einen Antrag zur Nato-Mitgliedschaft entscheiden. (fn/dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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