Unternehmen stehen vor ganz anderem Problem

Corona-Krise: Politiker stellen Impfstoff-Forderung - und blitzen bei der Pharmaindustrie gnadenlos ab

Weltweit fiebern Menschen dem Impfstoff gegen das Coronavirus entgegen. Die Politiker wollen bei der Verteilung den fairstmöglichen Weg gehen - doch der ist wohl versperrt.

München - Die Corona-Krise hat viele unliebsame Begleiterscheinungen mit sich gebracht. Plötzlich durften Millionen Bürger ihr Grundstück nur noch aus triftigen Gründen verlassen, Treffen mit Freunden oder Bekannten wurden bundesweit untersagt*. Hinzu kam das ungewohnte Abstandhalten zu anderen, selbst liebgewonnenen Mitmenschen, das wohl noch monatelang unser tägliches Leben prägen wird. Ganz zu schweigen von dem mittlerweile allgegenwärtigen Mundschutz*.

Genauso ungewohnt beim Kampf gegen die Ausbreitung der Pandemie war aber auch: Sie war weitestgehend eine nationale Angelegenheit, jedes Land im Grunde auf sich allein gestellt. Mit ganz wenigen Ausnahmen - etwa der Behandlung von Covid-19-Ernstfällen aus Italien oder Spanien in deutschen Kliniken - gab es keinerlei Kooperationen untereinander. Schlicht aus Selbstschutz. Denn sonst wäre die Gefahr gestiegen, dass sich das neue Coronavirus noch rascher über den Globus verteilt und so manches Gesundheitssystem in die Knie zwingt.

Impfstoff gegen Coronavirus: Politiker wollen Impfstoff allen auf gleiche Weise zugänglich machen

So ließ sich aber auch nicht vermeiden, dass so manche Nation in der Krise besonders ins Wanken geriet. Andere Länder wiederum manövrierten sich überwiegend souverän durch die immensen Untiefen. Diese Diskrepanz soll nach dem Willen der Politik aber Vergangenheit sein, wenn endlich auf den Markt kommt, wonach der Großteil der Menschheit lechzt: der Impfstoff*, der uns hoffentlich immun gegen das Virus und seine Folgen werden lässt.

Deshalb regte die EU-Kommission bereits an, dass beim Zugang zu dem Wirkstoff keinerlei Unterschiede zwischen Ländern bestehen dürften. Dieser solle „gerecht und allgemein“ sein, Brüssel sehe in der „Solidarität und der engen Kooperation“ die effektivste und sicherste Antwort auf Covid-19. Die Schlussfolgerung des Gremiums unter Vorsitz von Präsidentin Ursula von der Leyen: Der Impfstoff müsse zum weltweit öffentlichen Gut erklärt werden. Also für jeden Menschen stets zugänglich sein.

Impfstoff gegen Coronavirus: Merkel verweist auf „beispiellose globale Zusammenarbeit“

Dieses Ziel verfolgt auch Angela Merkel, die in der FAZ von einer „beispiellose(n) globale(n) Zusammenarbeit zwi­schen Wissenschaftlern und Regulierungsbehörden, Industrie und Regierungen, interna­tio­nalen Organisationen, Stiftungen und Vertretern des Gesundheitswesens“ sprach. In einem Video-Podcast fokussierte sich die Bundeskanzlerin auf die Frage, „wie wir für alle Menschen auf der Welt Impfstoffe entwickeln, Medika­mente und gute Diagnosemöglichkeiten bereitstellen“ können.

Allerdings haben Merkel und Co. die Rechnung offenbar ohne die Pharmaindustrie gemacht. Unter den Impfstoff-Entwicklern wird Kritik laut angesichts der politischen Aussagen. „Es muss dabei bleiben, dass die Unternehmen Eigentümer ihrer Entwicklungen bleiben, schließlich haben sie Millionen dafür investiert“, zitiert das RedaktionsNetzwerk Deutschland den Präsidenten des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller, Han Steutel.

Von der Pharmaindustrie ausgebremst: Bundeskanzlerin Angela Merkel würde den Impfstoff gern zu einem öffentlichen Gut erklären lassen.

Impfstoff gegen Coronavirus: Kapazitäten reichen nur für ein Fünftel der Weltbevölkerung

Der Niederländer versicherte jedoch, dass der Impfstoff zu einem erschwinglichen Preis erhältlich sein werde: „Einige große Pharmaunternehmen haben bereits zugesichert, dass sie einen Impfstoff quasi zum Selbstkostenpreis abgeben werden. Das haben nicht alle getan, aber die Richtung ist damit vorgegeben.“ In der Branche werde nicht mit großen Profiten durch den Impfstoff gerechnet.

Zugleich wandte Steutel sich mit einer Forderung an die Politik. Statt einer staatlichen Förderung der Forschung nach dem Impfstoff brauche es Investitionshilfen für den Ausbau von dessen Produktion. Denn es könne nicht davon ausgegangen werden, dass der Bedarf rasch gedeckt werde. Nach aktuellem Stand könnten pro Jahr weltweit 1,5 Milliarden Dosen produziert werden - was knapp einem Fünftel der Weltbevölkerung entspricht. „Hier sind öffentliche Hilfen wie Investitionszuschüsse nötig, um die Produktions-Kapazitäten sehr schnell massiv auszuweiten“, fordert Steutel. Denn wenn genügend Produktionskapazitäten vorhanden sind, muss erst gar kein Staatschef* auf den Gedanken kommen, sich bei der Verteilung des Impfstoffes auf die Pole Position zu drängen.

Über die Entwicklungen in den USA und der gesamten Welt halten wie Sie in unseren News-Tickern auf dem Laufenden. Auch zu den Entwicklungen in der Impfstoff-Forschung gibt es bei Merkur.de einen News-Ticker. 

Auch interessant: Eine neue Erkenntnis würde die wohl Abstandsregel ad absurdum führen.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

mg

Rubriklistenbild: © dpa / Sebastian Gollnow

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