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Nahostexperte im WM-Interview: „Ein politischer Boykott ist schlicht nicht möglich“

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Von: Andreas Schmid

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WM, Energie und Menschenrechte, wie sollten wir mit Katar umgehen? Der Nahost-Experte Sebastian Sons erklärt im Interview, warum die WM am Golf auch in Deutschland zu einer neuen Politik führen muss.

München – Die deutsch-katarischen Beziehungen sind dieses Jahr enger geworden. Wirtschaftsminister Robert Habeck und Bundeskanzler Olaf Scholz gastierten am Golf, Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani besuchte Berlin und traf sich dort auch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Solche Besuche sind „aus energiepolitischen Motiven offenbar notwendig“, erklärt der Nahostexperte Sebastian Sons mit Blick auf die angestrebte Energiepartnerschaft mit Katar. Er hat ein Buch über das Verhältnis der Bundesrepublik zu Katar und anderen Golfstaaten geschrieben.

Im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA sieht der Islamwissenschaftler eine „Diskrepanz zwischen öffentlichem Diskurs und dem tatsächlichen politischen Umgang“ und fordert daher eine „neue Politik mit Blick auf Katar und die Golfregion“. Kooperationsmöglichkeiten gebe es, gleichzeitig sollte die Bundesregierung aber auch „rote Linien“ benennen. Sons erklärt außerdem, welcher Teil der deutschen Katar-Debatte am Golf als „überheblich und arrogant“ wahrgenommen wird.

Deutschland an der Seite Katars: Der Bundeskanzler bei einem Besuch im Emirat.
Deutschland an der Seite Katars: Der Bundeskanzler bei einem Besuch im Emirat. Die Beziehungen der beiden Länder werden enger, analysiert der Nahostexperte Sebastian Sons. © Kay Nietfeld/dpa (Montage)

Herr Sons, in Ihrem Buch bezeichnen Sie den Umgang mit der Katar-WM als „Symptom einer chronisch kranken Politik bei uns“. Was macht Deutschland falsch?

Wenn man glaubwürdige Menschenrechtspolitik machen will, sollte sich das, was man sagt, nicht von dem unterscheiden, was man tut. Deutschland macht weiterhin Geschäfte mit Katar, obwohl man öffentlich anprangert, dass die Menschenrechte in Katar mit Füßen getreten werden. Das ist um Umgang mit Autokratien immer ein Drahtseilakt und problematisch. Diese Diskrepanz zwischen öffentlichem Diskurs und dem tatsächlichen politischen Umgang passt nicht zusammen. Daher braucht es eine neue Politik mit Blick auf Katar und die Golfregion. Die WM bietet ein Momentum dazu.

Wie könnte diese Politik aussehen?

Deutschland muss sich generell die Frage stellen, wie man mit problematischen Partnern umgeht. Auf der einen Seite muss man viele Handlungen der Golfstaaten kritisch hinterfragen. Das ist eine sehr schwierige Region, mit Autokratien. Aber die Golfstaaten sind in den letzten zehn bis 15 Jahren so wichtig geworden, dass man sie nicht mehr ignorieren kann. Deshalb sollte Deutschland in bestimmten Bereichen mit den Golfstaaten zusammenarbeiten, etwa bei erneuerbaren Energien oder der Migrations- und Entwicklungspolitik.

Das heißt, Deutschland sollte mehr auf die Golfstaaten zugehen?

Durch den Angriffskrieg gegen de Ukraine muss Deutschland seine Energieversorgung notgedrungen diversifizieren. Da landet man sehr schnell bei Ländern wie Saudi-Arabien und Katar. Deshalb war Olaf Scholz zuletzt ja auch vor Ort. Man sollte aber nicht von einem Extrem ins nächste verfallen, nämlich von der Dämonisierung dieser Staaten hin zu einer ganz engen Partnerschaft. Vielmehr geht es um eine werteorientierte, menschenrechtsverpflichtende sowie pragmatische, interessengeleitete Politik. Beide Pole können besser in bestimmten Bereichen miteinander vereinbart werden. Mögliche Kooperationen bedeuten dabei nicht, dass man die eigenen Werte über Bord werfen muss. Man sollte allerdings den Dialog suchen und in der Außenpolitik agieren, statt zu reagieren.

Einwurf Katar

Dieser Text ist Teil unserer Themenwoche zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Auch in den kommenden Tagen bieten wir Ihnen auf sämtlichen Portalen von IPPEN.MEDIA sportpolitische Hintergrundberichte zu Katar.

Sebastian Sons: „Ein politischer Boykott ist schlicht nicht möglich“

Katar scheint durch den Ukraine-Krieg wichtiger zu werden. Auch für Deutschland. Lässt das die Kritik der Bundesregierung leiser werden?

Ja, den Eindruck habe ich schon. Zumindest wird in der politischen Kommunikation differenzierter über die Golfstaaten gesprochen. Robert Habeck zum Beispiel versuchte, den Katar-Besuch aus seiner Perspektive zu erklären. Die Öffentlichkeit merkt somit, dass eine Reise nach Katar aus energiepolitischen Motiven offenbar notwendig ist. Die Politik stellt sich damit einer Diskussion, die sie lange vermieden hat – die gleichzeitig aber noch stärker könnte geführt werden.

Es gibt immer wieder auch Diskussionen über einen politischen Boykott, ähnlich wie bei Olympia in China. In einer IPPEN-Umfrage unter den Bundestagsabgeordneten zeigte sich die deutsche Politik gespalten. Halten Sie einen solchen Boykott für zielführend?

In der jetzigen Situation ist ein politischer Boykott schlicht nicht möglich.

Warum nicht?

Wie sollte man diesen Boykott rechtfertigen? Warum sollte man nicht zur WM reisen, während man gleichzeitig wirtschaftspolitische Partnerschaften mit Katar eingeht? Ein politischer Boykott kann selbstverständlich ein Signal setzen, aber wie erkläre ich das einer deutschen und auch einer golfarabischen Öffentlichkeit? Das wäre in der jetzigen Situation unglaubwürdige Symbolpolitik.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass man der katarischen PR mit schönen Bildern von Olaf Scholz und Emir Tamim bin Hamad Al-Thani in die Hände spielt?

Diese Gefahr besteht und deshalb sollte in der Öffentlichkeit dieses Risiko problematisiert werden. Autokratische Regime wie Katar oder Saudi-Arabien versuchen, solche Staatsbesuche für ihre eigene Propaganda auszunutzen. Katar wird die Weltbühne der WM ebenfalls nutzen, um sich selbst in ein rechtes Licht zu rücken. Das ist Teil ihrer Strategie. Die deutsche Politik und Öffentlichkeiten brauchen hier ein Bewusstsein darüber, wann ein Besuch sinnvoll ist und wann man zum Spielball der katarischen PR wird. Das geht nur, wenn man mehr Wissen über die Golfregion hat sowie weiß, wie man mit solchen Staaten zusammenarbeiten kann und will – und gleichzeitig rote Linien im Umgang mit ihnen benennt.

Golfstaaten-Experte Sebastian Sons
Golfstaaten-Experte Sebastian Sons bereist die Arabische Halbinsel regelmäßig. Er arbeitete beim Deutschen Orient-Institut, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und der Deutschen Gesellschaft für Politik. © Tagesspiegel/Imago

Wie umgehen mit Katar? Nahost-Experte Sons nennt „rote Linien“

Welche roten Linien sollten das sein?

Es geht um drei Punkte. Erstens: Zurückhaltende Waffenlieferungen. Auch nach der Scholz-Reise nach Saudi-Arabien bringen Waffenexporte in diese Gebiete keinen realpolitischen Zugewinn und sind moralisch problematisch. Wir sollten zuerst in anderen Bereichen mit der Golfregion zusammenarbeiten – einige habe ich oben kurz genannt. Zweitens: Aktionen der Golfstaaten hinterfragen, um nicht unfreiwillig Opfer von PR zu werden. Jede Zusammenarbeit sollte im Einzelfall bewertet werden, um eine Nutzen-Kosten-Analyse zu erheben. Und Drittens: Eine proaktive Strategie. Ohne Schwarz-Weiß-Denken, gleichzeitig aber mit einem genauen Blick in diese Region, um einschätzen zu können, in welchen Bereichen wir mit wem zusammenarbeiten können. Wir wissen zu wenig über die Golfstaaten, müssen aber anerkennen, dass sie sehr wichtig für uns geworden ist.

Wie nehmen Sie die Debatte um Katar wahr?

Man kann vieles an der WM in Katar kritisieren, sollte sich aber auf das Wesentliche konzentrieren. Es gibt drei Kritikebenen: Die sehr relevante Menschenrechtsdiskussion, die auch nach der WM weitergeführt werden muss. Die sportpolitische Ebene samt Boykottideen sowie den Aspekten Fifa und Korruption. Und eine Art Kulturkritik an einem Land aus dem globalen Süden, das eigentlich keine Berechtigung hat, eine Fußballweltmeisterschaft im Winter auszutragen. Diese mit schwirrende dritte Ebene wird am Golf als eurozentristisch, überheblich und arrogant wahrgenommen.

Interview: Andreas Schmid

Über das Buch: „Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss“, Sebastian Sons, Atrium Verlag, erschienen am 21. September 2022, 9 Euro.

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