Abgeklebt und aufgeklärt

Polizisten überführen Unfallverursacher mit Spezialfolie

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Bei vier von fünf Unfallfluchten kommt die Folie zum Einsatz. Allerdings sei sie häufig nicht das einzige oder entscheidende Beweismittel, bilde aber einen wichtigen Baustein der Ermittlungen, hieß es aus dem Landespolizeiamt.

Kiel - Von André Klohn. Nur kurz zum Einkaufen in den Supermarkt und bei der Rückkehr zum Auto fällt die frische Delle in der Tür sofort ins Auge. Die Zahl der Unfallfluchten im Land steigt seit zehn Jahren kontinuierlich an – auf 20 832 Fälle im vergangenen Jahr. Oft bleiben Opfer oder deren Versicherungen auf den Kosten von Lack- oder Blechschäden sitzen. Seit anderthalb Jahren jagen mehr als 70 Verkehrsermittler der Polizei im Norden Unfallverursacher mit Klebefolie sowie Mikroskop – erfolgreich.

Mithilfe der Spurensicherungsfolie seien nicht nur Verursacher überführt oder vermeintliche Täter ausgeschlossen worden, sagt Polizeisprecher Torge Stelck. „In einigen Fällen wurden durch den Einsatz der Folie auch fingierte Verkehrsunfälle aufgedeckt.“ Die Spurensicherungsfolie kann nicht nur Lackspuren festhalten, sondern auch Sedimente, markante Kunststoffe, Farbpartikel, pflanzliche Rückstände und Holz.

Die Mikroskop-Suche der Beamten hat im Winter auch einem Fahranfänger in Ratzeburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) nach der Kollision mit einem VW-Bus an einer glatten Kreuzung zweier Bundesstraßen geholfen. Der hatte den Unfall mit dem Wagen des Vaters angezeigt und von einer Fahrerflucht berichtet. Die Polizisten glaubten die Geschichte zunächst aber nicht. Die Beamten gingen aufgrund erheblicher Schäden am Wagen davon aus, dass der junge Mann in eine Leitplanke gekracht war. Dort fand die Polizei zwar blaue Lackspuren, die aber nicht zum metallicfarbenen Auto passten. Die Ermittler starteten einen Zeugenaufruf und bekamen den Hinweis auf einen VW-Bus. Bei dessen Überprüfung klebte der Ermittler wieder die Folie auf und stellte am Mikroskop kurz darauf eine Übereinstimmung fest. Die Fahrerin räumte den Unfall schließlich ein, der Fahranfänger war aus dem Schneider.

Die vergrößerten Farbspuren können auch Betrüger enttarnen.

Bundesweite Zahlen zu Schäden, die in Deutschland durch Fahrerfluchten entstehen, gibt es nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft nicht. Ein Garantiefonds soll Verkehrsopfer vor Härten bewahren. „In den sogenannten Fahrerfluchtfällen werden, um eine übermäßige oder gar missbräuchliche Inanspruchnahme des Fonds zu vermeiden, Sachschäden an Kraftfahrzeugen nur erstattet, wenn gleichzeitig ein beträchtlicher Personenschaden entstanden ist“, sagt ein Verbandssprecher.

Rund 13 000 Euro hat sich das Landespolizeiamt den Kauf von 70 Mikroskopen und der Folie kosten lassen. Entwickelt hat das Verfahren ein Gutachter aus Nordrhein-Westfalen. Schleswig-Holstein war 2017 das erste Bundesland, indem die Technik flächendeckend eingesetzt wurde, sagt Polizeisprecher Stelck. „Bei einem Großteil der mehr als 20 000 Verkehrsunfallfluchten ist sie 2018 zum Einsatz gekommen.“ Ziel sei es, die Aufklärungsquote in diesem Straftatbereich zu erhöhen. Zwar liege die Aufklärungsquote bei Unfallfluchten auf der Autobahn bei rund 50 Prozent, ansonsten sei sie aber deutlich niedriger. Fast 1 000 Menschen wurden 2018 bei diesen Verkehrsunfällen im Norden verletzt, drei starben.

In anderen Fällen hat die Technik Autofahrer vor Unrecht bewahrt wie 2018 in Neumünster. Dort hatte ein Mann sein rotes Auto neben einem schwarzen Auto auf dem Parkplatz eines Seniorenheims abgestellt. Als dessen Fahrer zu seinem Wagen zurückkehrte, entdeckte er einen Schaden an seinem Auto und einen vermeintlich passenden Schaden am Nachbarwagen. Er rief die Polizei. An der Schadensstelle des roten Autos sicherten die Beamten aber grüne Spuren, erinnert sich die Leiterin des Unfalldienstes Inga Näthke. „Der Fahrer des roten Autos konnte als Verursacher des Schadens am schwarzen Pkw ausgeschlossen werden.“ Der Schaden an seinem Wagen stammte hingegen von einem grün gestrichenen Balken.  

dpa

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