Bildungsministerin will alle Schulabschlussprüfungen absagen

Abitur ohne Prüfung?

Die Tische bleiben in diesem Jahr zum Zeitpunkt der Abiprüfungen möglicherweise leer. Bildungsministerin Karin Prien plant eine Absage der Abschlussprüfungen. Foto: DPA

Kiel – Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich wegen der Corona-Pandemie für eine Absage der Abiturprüfungen und aller anderen Abschlussprüfungen ausgesprochen. „In der derzeitigen Situation und der besonderen Herausforderung nicht nur für unser Schulsystem, sondern auch jeden einzelnen von uns, halte ich diese Entscheidung für geboten“, sagte Prien gestern. Sie werde dem Kabinett für die Beratungen heute einen entsprechenden Beschlussvorschlag vorlegen.

Mitte März wurde der Unterricht an den Schulen in Schleswig-Holstein eingestellt. Im laufenden Schuljahr wollen allein 14 000 Schüler im Bundesland ihr Abitur ablegen. Laut Bildungsministerium meldeten die Schulen zudem 10 415 Schüler zum ersten allgemeinbildenden Schulabschluss an und weitere 12 083 zum mittleren Schulabschluss.

„Wir haben in diesem Jahr durch die Ausbreitung des Coronavirus und unsere Maßnahmen dagegen eine außergewöhnliche Situation“, sagte Prien. Wann und wie der Unterricht wieder aufgenommen werden könne, sei noch nicht absehbar. „Seit zwei Wochen beraten wir, wie wir in diesem Jahr faire und gerechte Abschlussprüfungen unter den gegebenen Umständen ermöglichen können.“ Die Abiprüfungen müssten direkt nach den Osterferien beginnen. „Dies erscheint unrealistisch.“

Die Schüler im Norden sollen nach Priens Plänen zum Ende des Schuljahres stattdessen Abschlusszeugnisse auf Basis bisheriger Noten erhalten. „Ich werde daher in der Kultusministerkonferenz vorschlagen, dass wir keine Abiturprüfungen mehr abnehmen, sondern das Abitur und seine Note anhand der bisher erbrachten Leistungen bewerten“, sagte Prien.

Auf Schülerseite stieß sie mit ihrem Vorstoß auf Verständnis. „Wir halten es prinzipiell für die fairste Lösung, falls es aus gesundheitlichen Gründen keine Prüfungen geben sollte“, sagte die Landesschülersprecherin für Gymnasien, Anna Weigand. Allerdings sollten die Schüler auf freiwilliger Basis auch mündliche Prüfungen ablegen dürfen. Ein Teil der Schüler sei in mündlichen Prüfungen besser als in schriftlichen. Nötig sei zudem eine Gleichheit des Abiturs. Es dürfe keine Abwertung des Abiturs aufgrund höherer Gewalt geben.

Priens Pläne stießen auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf Zustimmung. „Das ist eine sinnvolle und vernünftige Entscheidung im Interesse der Gesundheit von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern“, sagte die Landesvorsitzende Astrid Henke. Aus ihrer Sicht spricht nichts gegen das sogenannte Anerkennungsabitur. „Den Schülerinnen und Schüler dürfen durch die Absage der Prüfungen keine Nachteile entstehen. Das Abitur muss von allen Bundesländern und von allen Hochschulen in vollem Umfang anerkannt werden.“ Es dürfe zudem nicht durch Bezeichnungen wie „Notabitur“ diskreditiert werden.

Die oppositionelle SPD hat angesichts der Corona-Pandemie für die Abiturprüfungen in Schleswig-Holstein eine Lösung soweit wie möglich im Gleichklang mit den anderen Bundesländern gefordert. „Auch wenn es im Mai keinen Eurovision Song Contest gibt, muss die Punktevergabe an den Schulen möglich sein“, sagte der SPD-Bildungspolitiker Kai Vogel.

Zwei Hamburger Schüler haben angesichts der Corona-Pandemie eine Petition zur bundesweiten Absage der Abitur-Prüfungen gestartet. Die beim Internetportal „change.org“ veröffentlichte Petition unterzeichneten bis gestern Nachmittag rund 76 000 Unterstützer.  dpa

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