Trinkblase neben PET-Flasche

Beim Steinzeittreffen leben Menschen wie vor 5 000 Jahren – mit Abstrichen

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Ein Mann zündet neben einer steinzeitlichen Hütte ein Feuer an. Unter dem Motto „Größtes Steinzeittreffen seit der Steinzeit“ leben in Alberdorf im Kreis Dithmarschen derzeit rund 80 Männer, Frauen und Kinder wie in längst vergangenen Zeiten. 

Albersdorf - Von Wolfgang Runge. Es riecht nach Lagerfeuer, Kinder planschen ausgelassen in einem Teich, und ein Mann schlendert fast nackt den Weg entlang. Er trägt nichts außer einem schmalen Lendenschurz und einer Halskette aus Tierzähnen.

Neben ihm eine junge Frau, barfuß und im Lederkleid. Die friedliche Szene endet abrupt, als ein Junge mit Bogen hinter einer Hütte hervorspringt, und einen Pfeil quer über den Weg schießt. Sofort stürzt eine Frau aus der Türöffnung und schimpft: Niemand darf sich einfach irgendwo hinstellen und Schießübungen machen, erklärt sie dem ungefähr zehn Jahre alten Kind. Auch in der „Steinzeit“ gibt es Regeln.

Zu dieser Zeitreise mehrere tausend Jahre zurück in die Vergangenheit haben sich rund 80 Männer, Frauen und Kinder im Steinzeitpark Dithmarschen getroffen. Zehn Tage lang tauschen sie ihre Alltagskleidung gegen einen groben Leder-Umhang. „Wir haben vom Schüler über den Hobby-Steinzeitmenschen und Archäologen bis zum Professor alles dabei“, sagt Koordinator Werner Pfeifer. Ein Teilnehmer ist Miika, der „Bärenschamane“ aus Finnland, der auch andere Treffen besucht. „Aber dieses ist anders: Mehr Menschen und mehr Workshops“, erklärt er. Die traditionellen Handwerkstechniken der finnischen Ureinwohner hätten seine Faszination der Steinzeit schon vor 25, 30 Jahren geweckt, sagt er. Aber: „Egal, wie viele Jahre man sich schon damit beschäftigt, man sieht immer wieder neue Tricks und Techniken.“

Jeder macht so viel Steinzeit, wie er mag

Die jüngste Teilnehmerin ist ein Säugling, drei Monate alt. „Sie ist im letzten Jahr hier während des Steinzeitreffens gezeugt worden“, sagt Pfeifer. Die Eltern kommen aus Norwegen und Finnland.

Eine kurze Böe drückt den Rauch des Lagerfeuers zur Seite und gibt den Blick auf einen durstigen Jungen frei, der Orangensaft aus einer PET-Flasche trinkt. So etwas ist kein Problem beim „größten Steinzeittreffen seit der Steinzeit“. Jeder macht nur so viel Steinzeit, wie er mag. Werner Pfeifer mag es authentischer. Er trinkt Wasser aus einem selbst gemachten Beutel aus einer Rinderblase. „Damals hätte man Auerochse genommen oder Wisent“, sagt er. Seine Tierblase werde in einer Zoohandlung als Tierfutter verkauft. „Die hab ich mit Weidenrinde gegerbt, danach war der Uringeschmack weg.“ Da das Wasser trotzdem noch „etwas merkwürdig“ roch, habe er den Tipp bekommen, ein wenig Rotwein hinein zu tun.

„Also hab ich gestern eine Flasche Rotwein rein gefüllt. Die haben wir natürlich ausgetrunken – als Experiment“, sagt er lachend. Danach ging’s. Seitdem schmeckt das Wasser aus der Blase „wie aus dem frischen Bach.“

Die Verpflegung vor Ort ist keine Steinzeit. „Wir kochen in einer modernen Küche mit Stahltöpfen, was die umliegenden Lebensmittelhändler hergeben“, sagt Pfeifer. Etwas anderes wäre auch „schwierig, weil wir Vegetarier dazwischen haben.“

„Hardcore“-Steinzeitler kommen in Albersdorf dank zweier Workshops trotzdem auf ihre Kosten. „Einer will ein paläolithisches (Anm. d. Red.: altsteinzeitliches) Essen machen – einen Lachs mit Gemüse in einer Kochgrube. Und ein anderer ein veganes, neolithisches (neusteinzeitliches) Essen. Wahrscheinlich wird das nur eine ,Getreide-Matsche‘ sein, das ist vegan und auch neolithisch, klingt auch toll, ist aber im Grunde ganz banale Getreidebrühe.“

Eine vegetarische Ernährung ist für die Steinzeit in dieser Region aber eigentlich unrealistisch. „In der Kalahari im Süden Afrikas zum Beispiel gibt es nur wenig Tiere, aber unglaublich viele Pflanzen, die man essen kann. Da lebten die Menschen früher tatsächlich zu 80 Prozent von pflanzlicher Nahrung“, sagt Pfeifer. Je weiter man nach Norden vorstoße, desto geringer werde die Menge der essbaren Pflanzen. „Das Extrem sind die Sami, die Rentierjäger ganz oben im Norden, oder die Inuit, die nur noch Fleisch und Fisch essen, weil es nichts anderes gibt.“ dpa

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