„Alle Mann aus dem Boot“

Was sie tun, wenn sie plötzlich ihr U-Boot in 30 Metern Wassertiefe verlassen müssen, lernen die Soldaten der Deutschen Marine im sogenannten Tieftauchtopf in Neustadt. Fotos: dpa

Der Tieftauchtopf der Marine in Neustadt ist einzigartig in Europa. Er ist 37 Meter hoch und fasst mehr als 1,2 Millionen Liter Wasser. Hier üben nicht nur deutsche U-Bootbesatzungen, wie sie sich nach einem Unfall aus dem Boot retten.

VON EVA-MARIA MESTER

Neustadt – Jede U-Bootbesatzung kann plötzlich in die brenzlige Lage kommen, das Boot in 30 Metern Tiefe verlassen zu müssen. Was dann zu tun ist, lernen die Soldaten der Deutschen Marine in einem Turm in Neustadt in Holstein. In dem sogenannten Tieftauchtopf auf dem Gelände des „Einsatz-Ausbildungszentrums Schadensabwehr Marine“ lernen die Besatzungen, wie sie unter Wasser aus einem U-Boot aussteigen und danach auch heil an die Wasseroberfläche kommen.

Das U-Bootrettungstraining ist auch bei Seestreitkräften anderer Nationen gefragt. „In den vergangenen 40 Jahren wurden hier U-Bootbesatzungen aus 21 Nationen ausgebildet“, sagt Kapitänleutnant Martin Kalmring, Leiter der U-Bootrettungsausbildung.

Am Beginn des einwöchigen Lehrgangs steht das Trockentraining. Vor jedem Soldaten liegt ein orangeroter Rettungsanzug. Wenn das Kommando „Alle Mann aus dem Boot“ ertönt, müssen sie die sperrigen Anzüge über ihre normalen Uniformen ziehen, Kopfhaube und Handschuhe anlegen und ihre Taucherbrillen aufsetzen.

Immer wieder müssen die Soldaten bei diesem Trainingstag die Anzüge aus- und wieder anziehen. Dann geht es in die U-Bootsektion. Dort ist es eng und heiß. Dann wird die Sektion geflutet. Dabei steigt das Wasser im Innern des nachgebildeten U-Boots, bis es den Soldaten buchstäblich bis zum Halse steht. „Verdammt warm da drin“, stöhnt Obermaat René Andersch, als er rauskommt.

Am nächsten Tag ist dann das eigentliche Ausstiegstraining an der Reihe. Als erster nimmt Sören Funke einen tiefen Atemzug aus der im Innern installierten Luftleitung. Dann schiebt er sich durch eine Luke hinaus ins Wasser. Dort nehmen ihn fünf Ausbilder in Empfang.

Einer von ihnen öffnet das Ventil der in den Rettungsanzug integrierten Atemluftflasche, der Anzug bläst sich auf und der Soldat schießt wie ein Korken an die Oberfläche. „Ich war vorher schon ein bisschen nervös, aber es ist alles gut gelaufen“, sagt Funke.

„Wichtig ist, dass die Soldaten beim Aufstieg langsam und kontinuierlich ausatmen, um eine Überdehnung der Lungenbläschen zu verhindern“, sagt Kalmring. Damit er und seine Tauchlehrerkollegen das gut kontrollieren können, tauchen sie selbst im Apnoeverfahren, also ohne Atemluftgeräte.

Oben erwarten Flotillenärztin Jessica Ritter und eine Helferin die Soldaten und überprüfen sie auf neurologische Ausfälle. „Die könnten schlimmstenfalls auf eine durch den Druckunterschied ausgelöste Gasembolie, also eine Art Schlaganfall, hindeuten“, sagt Ritter.

Seit 1977 gibt es den Tieftauchtopf in Neustadt. Bei einer Höhe von 37,5 Metern und einem Durchmesser von sieben Metern fasst der Topf 1,25 Millionen Liter Wasser. „Anlass für den Bau war die Havarie des U-Boots „Hai“ im Jahr 1966“, sagt Bastian Fischborn vom Presse- und Informationszentrum des Marinekommandos in Kiel. Bei dem Unglück nordwestlich von Helgoland starben sechs Besatzungsmitglieder.

Zum Abschluss des Lehrgangs zieht Kalmring eine positive Bilanz. „Der Verletztentransport ist nicht optimal gelaufen, da fehlte es noch an der internen Kommunikation“, sagt der Ausbildungsleiter. „Aber alle haben das Klassenziel erreicht.“ dpa

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