Verängstigte Zeugen bei Prozess gegen mutmaßlichen Rechtsradikalen

„Es ist ein anderes Leben“

Für zwölf teils brutale Taten muss sich ein 23-Jähriger (r.) verantworten. Foto: dpa

Neumünster – Er wird der rechtsradikalen Szene zugeordnet und kommt mit kahl geschorenem Kopf und in Handschellen in den Gerichtssaal. Der 23-Jährige gilt als Mitglied der im Kreis Segeberg aktiven Gruppierung „Aryan Circle“ und muss sich seit Montag wegen zahlreicher Gewaltdelikte verantworten. Die Gruppierung „Aryan Circle“ ist im Visier des Staatsschutzes. In diesem Monat gab es Durchsuchungen gegen Mitglieder in mehreren Bundesländern.

Der 23-Jährige muss sich unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung sowie Bedrohung von Polizeibeamten und Ausländern sowie Raub verantworten. Der Staatsanwalt listet zu Prozessbeginn zwölf Fälle auf, von Mai bis November 2019. Tatorte: Bad Segeberg, Neumünster, Bornhöved, Sülfeld und Wahlstedt.

Wie sehr die zur Last gelegten Gewaltdelikte nachwirken, machen Zeugen deutlich. Ein 21-Jähriger berief sich auf einen Blackout: „Die Erinnerungen sind wie weg“, sagt der junge Mann und wirkt sichtlich eingeschüchtert. Ihm soll der Angeklagte von hinten gegen eine Schulter getreten und dann mehrfach so mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben, dass das Opfer einen Jochbeinbruch erlitt.

Der Polizei gegenüber habe er den Angeklagten noch eindeutig belastet, sagte eine Beamtin. Nach eigener Aussage sei er vom Angeklagten und Gesinnungsgenossen vor einer Aussage vor Gericht gewarnt worden: „Sonst war das mit dem Jochbeinbruch nur ein Vorgeschmack.“

Auch eine 49-Jährige ist offenbar noch immer geschockt von einer gewalttätigen Attacke des Angeklagten in Sülfeld. Dort hatten sich Einwohner mit Putzeimern und Lappen zusammengefunden, um Aufkleber der rechtsradikalen Szene zu entfernen. Der Angeklagte habe deswegen einem Mann Reizgas in Augen, Mund und Nase gesprüht, sagte die Zeugin. Sie habe über dem 23-Jährigen ihren Eimer mit Putzwasser ausgeschüttet. Der Angeklagte habe sie daraufhin mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Nach dem Vorfall habe sie aus Angst lange Zeit die Jalousien auch tagsüber runtergelassen und nachts wach gelegen und gehorcht. „Es ist ein anderes Leben jetzt“, sagte die Zeugin. In einem weiteren Fall soll der Angeklagte einem Mann fünf- bis zehnmal mit seinen Springerstiefeln gegen den Kopf getreten haben. Das Opfer wurde mit einem Schädel-Hirn-Trauma auf der Intensivstation behandelt.

Zwei Anträge der Verteidigung auf Aussetzung des Prozesses „aufgrund der derzeitigen Corona-Lage“ und Ablehnung des Gerichts wegen Befangenheit blieben erfolglos. Das Gericht unter Vorsitz von Jan Suhr will am 8. April weitere Zeugen hören.  dpa

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