Atomausstieg wird sichtbar

Umweltminister Jan Philip Albrecht genehmigt Rückbau des AKW Brunsbüttel

+
Erstmals darf ein Kernkraftwerk in Schleswig-Holstein abgerissen werden. Bis der Atomausstieg sichtbar ist, werden aber noch Jahre vergehen.

Kiel - Das AKW Brunsbüttel an der Elbmündung ist seit Jahren vom Netz, bald wird es endgültig entsorgt. Dem geplanten Abriss steht auf politischer Ebene nichts mehr im Weg. Schleswig-Holsteins für Atomenergie zuständiger Umweltminister Jan Philipp Albrecht überreichte Betreiber Vattenfall am Freitag die 700 Seiten umfassenden Unterlagen seiner Behörde. „Der Atomausstieg wird nun auch in Schleswig-Holstein für jedermann sichtbar“, sagte der Grünen-Politiker. Auf diesen Moment hätten viele Menschen seit Jahren gewartet. Der Meiler werde „endlich abgebaut“.

Vattenfall-Regionalchef Pieter Wasmuth sagte, „der Rückbau eines Kernkraftwerks ist eine technisch gelöste Aufgabe“. Mit der Genehmigung gehe das Kraftwerk vom Nachbetrieb in die Stilllegung über. Der Abriss der Anlage wird nach Ministeriumsangaben voraussichtlich 15 Jahre dauern. Danach werden dort voraussichtlich noch ein Zwischenlager für Kernbrennstoffe und ein neues Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle stehen.

Das AKW Brunsbüttel war 1976 ans Netz gegangen, infolge von Pannen wurde es aber bereits vor mehr als elf Jahren vom Netz genommen. Nach der Fukushima-Katastrophe von 2011 wurde seine dauerhafte Stilllegung beschlossen. Seitdem befand sich die Anlage nur noch im sogenannten Nachbetrieb. Dabei trafen Mitarbeiter bereits Vorbereitungen für eine Stilllegung.

Von außen wird von dem im Lauf des kommenden Jahres beginnenden AKW-Abriss viele Jahre aber nichts zu sehen sein. Die Arbeiten verliefen von innen nach außen, sagte Wasmuth. Erst später geht es an die Gebäudehüllen. Aktuell beschäftigt Vattenfall am AKW Brunsbüttel rund 200 Mitarbeiter. Während des Rückbaus sollen mal mehr, mal weniger externe Experten hinzustoßen.

In der ersten Abbauphase sollen nicht mehr benötigte Anlagenteile abgebaut werden. Dazu gehören Behälter, Rohrleitungen, Armaturen, elektronische Komponenten, aber auch der Deckel und die Einbauten des Reaktordruckbehälters. Der Strahlenschutz habe bei den Arbeiten oberste Priorität, sagte Albrecht. In dem vor mehr als 40 Jahren in Betrieb gegangenen Atommeiler befände sich erhebliches Inventar an radioaktiven Stoffen.

Das AKW in Brunsbüttel hat eine Masse von ungefähr 300 000 Tonnen. Rund 90 Prozent gelten als unbelastet. Dazu gehören Gebäude und Rohrleitungen, die weitab vom Reaktor liegen. Ein Teil davon soll beispielsweise im Straßen- und Brückenbau wiederverwendet werden. Für einzelne Abbauschritte ist später noch eine weitere Genehmigung nötig. Darunter fällt vor allem der Abriss des Reaktordruckbehälters. Für das Genehmigungsverfahren berechnet das Land dem AKW-Betreiber eine Gebühr von einer Million Euro. Die Kosten für den Abriss bezifferte Vattenfall am Freitag mit rund einer Milliarde Euro. Dafür seien ausreichend Rückstellungen getroffen, sagte Wasmuth.

Heinz Smital, Atomexperte der Umweltschutz-Organisation Greenpeace, sagte: „Das AKW Brunsbüttel war besonders gefährlich, weil es nur einen Sicherheitsbehälter aus Stahl hatte und nicht aus Beton.“ Stahl schmelze aber schneller durch als Beton. „Deshalb freue ich mich über die Abrissgenehmigung.“ Sie sei ein wichtiger Schritt bei der Abkehr von der Atomkraft-Nutzung.

Mit gemischten Gefühlen reagierte der Atomkraft-Gegner Karsten Hinrichsen auf die Entscheidung. „Gut ist, dass die Genehmigung nun erteilt sei“, sagte Hinrichsen. Traurig mache ihn, dass die Genehmigungsbehörde die beantragten radioaktiven Ableitungen über den Schornstein nur geringfügig und die radioaktiven Einleitungen in die Elbe gar nicht reduziert habe. 

Das AKW Brunsbüttel mit 771 Megawatt Kapazität hat seit dem 9. Februar 1977 bis zum letzten Abfahren des Reaktors am 18. Juli 2007 eine Netto-Leistung von gut 118.855.371 Mega-Wattstunden (MWh) erzeugt. Seit Juni 2017 sind nach Angaben der Landesregierung weder im Reaktordruckbehälter noch im Lagerbecken Brennelemente vorhanden. Die 517 Elemente seien in Castor-Behältern und diese in einem Gebäude des Standort-Zwischenlagers untergebracht.

Irgendwann in den 2030er Jahren soll am AKW-Standort wieder eine grüne Wiese sein. Von den beiden anderen Reaktoren im nördlichsten Bundesland ist der Atommeiler Krümmel auch vom Netz. Hier hatte das Energieministerium erst im Juli 2018 das vorgeschriebene, öffentliche Beteiligungsverfahren gestartet.

Das AKW Brokdorf darf dagegen noch bis Ende 2021 Strom produzieren. Ziel des Betreibers ist es laut Atomaufsicht, ein Jahr nach dem Ende des Betriebs eine Genehmigung für die Stilllegung zu bekommen. 

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.