Experten haben erstmals Kriminalität durch Zuwanderer untersucht

Ausländer häufig unter Verdacht

Beamte der Bundespolizei bringen auf dem Bahnhof Flensburg einen Flüchtling ohne Ausweispapiere zu ihrem Fahrzeug. - Foto: dpa

Kiel - Ausländer geraten in Schleswig-Holstein laut einer wissenschaftlichen Studie deutlich häufiger unter Tatverdacht als Deutsche. Der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen ist proportional gesehen mehr als doppelt so hoch wie bei Deutschen, wie aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Auftrag des Kieler Landeskriminalamts (LKA) hervorgeht. Experten untersuchten dafür die Kriminalität im Zeitraum von 2013 bis einschließlich des ersten Quartals 2017.

„Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Nichtdeutschen einen erheblich größeren Anteil an jungen Männern aufweisen als die Deutschen“, sagte Institutsdirektor Thomas Bliesener. Wäre die Altersstruktur der Ausländer ähnlich, läge die Kriminalitätsbelastung laut der Studie „um das 1,6- bis 1,8-fache höher als bei den Deutschen“. Explizit ausgeklammert wurden für die Berechnung der sogenannten Tatverdächtigenrate aber ausländerrechtliche Delikte.

Als Gründe für die höhere Tatverdächtigenrate bei Ausländern nennen die Experten einen tendenziell niedrigeren sozioökonomischen Status, geringere Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe beispielsweise aufgrund fehlender Ausbildung und eine Konzentration auf die Städte. Dort gebe es mehr Tatgelegenheiten. Zudem gebe es eine höhere Anzeigebereitschaft bei Ausländern.

Die Polizei hatte die Studie anlässlich der Debatte um Kriminalität durch Flüchtlinge in Schleswig-Holstein in Auftrag gegeben. „Klar ist, dass mehr Menschen auch mehr Kriminalität bedeuten“, sagte der leitende Direktor des LKA, Peter Fritzsche. „Wir haben mehr Kriminalität.“

Laut der polizeilichen Kriminalitätsstatistik, die Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) in der kommenden Woche vorstellen will, geht der Anteil der Ausländer an den Tatverdächtigen in Schleswig-Holstein insgesamt aber zurück. Ihr Anteil sei 2017 von knapp 10 Prozent im Jahr 2016 auf 8,5 Prozent zurückgegangen, sagte Fritzsche. „Das ist eine klar abnehmende Tendenz.“ Den höchsten Anteil der Ausländer unter Tatverdächtigen hätten Ermittler im August 2016 mit etwa zehn Prozent registriert.

Innenminister Grote sagte, „für mich liegt der Schlüssel für die Lösung in der Integration derjenigen, die auch bei uns bleiben“. Handlungsbedarf gebe es auf Bundesebene bei der Frage des Familiennachzugs. „Integration gelingt viel einfacher, wenn die Familie dabei ist.“ Asylverfahren müssten beschleunigt werden. „Wir brauchen entweder schnell klare Bleibeperspektiven mit Integrationsangeboten oder eine schnelle Ablehnung mit anschließender Rückführung.“

Die Experten des Forschungsinstituts stellten fest, dass mehr als die Hälfte (53,8 Prozent) der Opfer ausländischer Straftäter 2016 ebenfalls Ausländer waren. Dies sei insofern bemerkenswert, weil ihr Anteil an Schleswig-Holsteins Bevölkerung in dem Jahr gerade einmal 7,9 Prozent betragen habe, sagte der Verfasser der Studie, Christoffer Glaubitz.

Weitere Ergebnisse der Studie lauten: Bei EU-Ausländern gibt es unter den Dänen proportional die wenigsten Tatverdächtigen, die meisten gibt es unter Rumänen und Bulgaren. „Aus den herkunftsstärksten Nationen im Zuge des Flüchtlingszustroms im Jahr 2015 weisen Personen syrischer Staatsangehörigkeit die geringste Tatverdächtigenraten auf, gefolgt von Afghanistan und dem Irak.“ Beim Diebstahl spielen Täter eine besondere Rolle, die nicht im Norden leben.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bezeichnete es als richtige Entscheidung, in den Flüchtlingsunterkünften polizeiliche Präsenz zu zeigen. Denn „mehrheitlich werden Nichtdeutsche Opfer von Straftaten, die durch nichtdeutsche Täter begangen werden“. GdP-Landeschef Torsten Jäger bezeichnete es als Fehler der alten, SPD-geführten Landesregierung, die Schleierfahndung in grenznahen Bereichen aus dem Landesverwaltungsgesetz zu streichen. Die neue, CDU-geführte Koalition müsse dies rückgängig machen.

In der Landespolitik fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. Für den Grünen-Innenpolitiker Burkhard Peters ist Zugang zu Bildung die Lösung: „Gelingende Integration ist die beste Prävention vor Kriminalität.“ Nach Ansicht des FDP-Innenpolitikers Jan Marcus Rossa „krankt die Studie bereits daran, dass sie auf Tatverdächtige abstellt, sodass die Frage, welche Kriminalitätsbelastung wir tatsächlich haben, nicht, beziehungsweise nur sehr unzureichend beantwortet wird“. Trotzdem müsse die Politik „mit dem Thema Zuwanderung ehrlich umgehen“. Die SPD-Abgeordnete Kathrin Wagner-Bockey forderte, die Kriterien für die polizeiliche Kriminalstatistik zu verbessern. Für den AfD-Innenpolitiker Claus Schaffer ist die Studie ein „Beleg für zugewanderte Kriminalität“. - dpa

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