Authentischer geht’s nicht

Kieler feiern 100. Jahrestag des Matrosenaufstandes da, wo alles begann – im Legienhof

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Im November 1918 wird Deutschland von einem revolutionären Aufbruch erfasst. Auslöser der Revolution ist Ende Oktober ein militärisch sinnloser Befehl der Seekriegsleitung, der zu einer Meuterei in Kiel und Wilhelmshaven führt.

Kiel - Der Festakt zum 100. Jahrestag des Kieler Matrosenaufstandes findet am Sonnabend genau dort statt, wo es Anfang November 1918 so richtig brodelte. Im Gewerkschaftshaus, heute Legienhof, trafen sich damals revolutionäre Matrosen und Arbeiter, die von Krieg und kaiserlicher Obrigkeit endgültig genug hatten.

Ihr Aufbegehren war eine Initialzündung für eine revolutionäre Bewegung, die am 9. November zur Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und zur Ausrufung der ersten deutschen Republik führte. „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen“, schrieb Reichskanzler Max von Baden offiziell. Zwei Tage später folgte ein Waffenstillstand – der unheilvolle Erste Weltkrieg mit 17 Millionen Toten war nach vier Schreckensjahren vorbei.

Ein historisches Schlüsselereignis von nationaler Tragweite spielte sich an der Förde ab, wie Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) es zu Beginn des Jubiläumsjahres genannt hatte. Er wird beim Festakt ebenso sprechen wie Bildungsministerin Karin Prien (CDU), der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann und der Kommandeur der Einsatzflottille 1, Flottillenadmiral Christian Bock.

Den Festvortrag hält der Freiburger Prof. Historiker Jörn Leonhard. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) war eingeladen, kommt aber nicht. Er hatte sich am Eröffnungstag der Kieler Woche die Ausstellung „1918. Die Stunde der Matrosen“ im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum angesehen. Sie läuft noch bis zum 17. März.

„Der Kieler Matrosenaufstand markiert den Beginn der dramatischen Bewegung, die am 9. November 1918 zum Ende der Monarchie in Deutschland führte“ – so ordnet der Historiker Leonhard das Ereignis ein. „Das reichte weit über den konkreten Anlass hinaus – also den Befehl zum Auslaufen der deutschen Schlachtflotte zu einem militärisch sinnlosen Gefecht, um die Schiffe nicht kampflos an den Feind übergeben zu müssen.“ Der Aufstand habe eine entscheidende Grundlage für die Begründung der ersten deutschen Republik aus dem Geist der politischen und der sozialen Demokratie gelegt, sagt Leonhard.

„Die Matrosen waren dabei weder ,deutsche Bolschewiki’, noch waren es bloß an ihren lokalen Interessen orientierte Aufständische.“ Die aus ihrer Aktion entstehende politische und soziale Bewegung der Arbeiter- und Soldatenräte habe sich in ihrer großen Mehrheit zum demokratischen Prinzip von Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung bekannt. 

„Zugleich spiegelte der Aufstand wider, dass die Autorität der kaiserlichen Militärführung und der Monarchie nach 52 Monaten Krieg erodiert war“, sagt Leonhard. „Kiel im November 1918 war also keine lokale Fußnote, sondern ein herausragender Moment mit einer großen historischen Tragweite.“

Eine brisante Stimmung hatte sich im Herbst 1918 aufgeladen. Nachdem viele Deutsche 1914 noch euphorisch den Krieg begrüßt hatten, war das Land vier Jahre später erschöpft. Von den barbarischen Gemetzeln an der Front mit Giftgaseinsatz, von ewigen Stellungskriegen, sinnlosen Todesopfern. 

Von Hunger (Hungerwinter 1916/1917), Krankheiten und auch von der autoritären Monarchie. Als die Marine trotz der sicheren Kriegsniederlage der Deutschen kurz vor Schluss der „Ehre“ wegen noch Tausende Marinesoldaten verheizen wollte, lief das Fass über. In Wilhelmshaven und in Kiel rebellierten die Matrosen.

Sie verbündeten sich in der Stadt an der Förde mit revolutionären Arbeitern. Schon im Winter hatte es ausgehend von Kiel in ganz Deutschland politisch motivierte Streikaktionen gegeben. Kiel, seit 1871 Reichskriegshafen, war hochgerüstet. Der Kaiser ließ hier ein Kriegsschiff nach dem anderen bauen. Im September 1918 war Wilhelm das letzte Mal hier. 

Ein Foto zeigt, wie er einem Arbeiter gönnerhaft die Hand auf die Schulter legt. Wenige Wochen später brodelt es. „Meidet alle Ansammlungen“, appelliert die Stadtverwaltung. „Wer Freiheit will, muss Ordnung halten.“ Das erinnert fast an den russischen Revolutionär Lenin, der den Deutschen die Fähigkeit zur Revolution abgesprochen hatte: „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“.

In Kiel forderten Tausende auf der Straße die Freilassung inhaftierter meuternder Matrosen. Am 3. November 1918 erschoss eine Militärpatrouille sieben Demonstranten. Einen Tag später war Kiel in den Händen der bewaffneten aufständischen Matrosen. Diese bildeten den ersten Arbeiter- und Soldatenrat während der Revolution von 1918/1919.

Heute erinnern in Kiel noch immer einige Gedenktafeln und das Denkmal „Feuer aus den Kesseln“ im Ratsdienergarten an das größte historische Ereignis in der Stadtgeschichte. 

dpa

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