Verband sieht Situation nicht korrekt dargestellt

Im Baugewerbe knirscht es: Stimmen die Statistiken?

+
Baustelle des neuen Schlossquartiers in Kiel 

Kiel - Der Baugewerbeverband kritisiert, dass Statistiken über die tatsächliche Lage der Branche in Schleswig-Holstein hinwegtäuschen. „Es sieht gar nicht so rosig aus“, sagte der Verbandsvorsitzende Thorsten Freiberg.

So sei die Rendite im Massivbau von 2012 bis 2015 von 4,9 auf 4,6 Prozent gesunken. Zwar sei der baugewerbliche Umsatz im ersten Quartal um acht Prozent auf 356 Millionen Euro gestiegen, aber diese Statistik erfasse nur Betriebe ab 20 Mitarbeitern. „Und 90 Prozent unserer Betriebe haben weniger Beschäftigte.“ Viele kleine Betriebe könnten die unter anderem aufgrund gesetzlicher Vorgaben steigenden Kosten nicht adäquat über den Preis an die Kunden weitergeben.

Der amtlichen Statistik ist auch zu entnehmen, dass die Zahl der Betriebe ab 20 Beschäftigten in den ersten drei Monaten diesen Jahres um zwei Prozent auf fast 12.900 gestiegen ist. Längerfristig betrachtet gab es aber einen klaren Rückgang: Im Jahr 2000 waren es noch 34.800 Mitarbeiter. „Wir haben heute weniger Betriebe und weniger Beschäftigte bei deutlich höherer Wirtschaftsleistung“, sagte Freiberg. Dies sei vor allem auf neue Bauweisen mit mehr industriellen Vorfertigungen, einen höheren Mechanisierungsgrad und gutes Baustellenmanagement zurückzuführen. Damit würden weniger Mitarbeiter auf der Baustelle benötigt.

Bau-Obermeister besprechen aktuelle Lage

Die aktuelle Lage der Branche und politische Forderungen standen Donnerstag auch auf der Tagesordnung der Obermeistertagung des Baugewerbeverbandes. Der Verband setzt sich unter anderem dafür ein, in den Städten mit ihren knappen Bauflächen mehr in die Höhe zu bauen – und zwar mit Holz. „Zu wenig wird bis an die Hochhausgrenze von 22 Metern gebaut“, sagte Freiberg. In Hamburg und in Baden-Württemberg geschehe das bereits. Damit und mit einem gut geplanten Materialmix sei hohe Flexibilität möglich.

Der Baugewerbeverband plädiert auch für ein einfacheres Bauen, um mit geringeren Ausstattungsstandards die Kosten zu senken. „Nicht nur Materialien, Energiepreise, Maschinenkosten und steigende Löhne verteuern das Bauen, sondern auch die immer höheren Anforderungen für die energetische Ausstattung und die immer schärferen Regulierungen“, sagte Freiberg. Das Baurecht müsse vereinfacht und flexibilisiert werden. Auch kürzere Lebenszyklen von Gebäuden stehen auf der Wunschliste: „Man muss auch mal den Mut haben, ein Gebäude abzureißen und neu zu bauen“.

Vom Land erhofft sich der Verband eine Erhöhung der Investitionsquote auf mindestens zehn Prozent, eine stärkere Digitalisierung von Vergaben und deutlich bessere Planungsgrundlagen. Sorgen bereitet auch die Nachwuchssituation: „Mehr Beschäftigte erreichen das Rentenalter, als junge Fachkräfte nachrücken“, sagte Freiberg. Auch Aufstiegschancen, Weiterbildungs- und Versicherungsmöglichkeiten seien gut. Die Höhe der Ausbildungsvergütungen hat übrigens auch eine Kehrseite: Viele kleine Betriebe bilden nicht mehr aus, weil ihnen die Kosten dafür zu hoch sind – obwohl die Sozialkassen der Bauwirtschaft 17 Monatsgehälter übernehmen.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.