Berater Andreas Schaper an einem Schrank mit giftigen Mitteln im Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen.
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Berater Andreas Schaper an einem Schrank mit giftigen Mitteln im Giftinformationszentrum-Nord in Göttingen.

Das Giftinformationszentrum Nord hilft / Jährlich 45 000 Anrufe

Beeren, Pilze, Schlangen

Rund 45.000 Anrufe gehen jedes Jahr beim Giftinformationszentrum-Nord ein. Oft sind die Menschen in Panik, etwa weil ihr Kind die Medikamente der Großmutter geschluckt hat.

Wie geht es Ihnen? Oder auch: Wie viel Duschgel hat das Kind getrunken und hustet es jetzt? So lauten typische Fragen, die er in einem solchen Gespräch stellt.

Rund 45 000 solcher Anrufe gehen Jahr für Jahr im Giftinformationszentrum-Nord ein: Menschen haben etwas gegessen und fühlen sich nun schlecht, Kinder haben etwas getrunken, was die Eltern nicht kennen. 1996 wurde das Zentrum gegründet, als gemeinsame Einrichtung der Nord-Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Bremen, angeschlossen an die Universitätsmedizin in Göttingen. Von den 40 Mitarbeitern sind 17 im Telefondienst. Auch Andreas Schaper, einer der beiden Leiter des Zentrums, ist regelmäßig dabei. „In einer Acht-Stunden-Schicht hat man es schon mal mit knapp 50 Anrufern zu tun“, sagt er.

Ruft jemand an, startet die immer gleiche Routine: Es geht darum herauszufinden, was passiert ist – und wie dringend der Fall ist. Schaper hat viel Erfahrung, sodass er oft schon sehr schnell eine Ahnung hat, in welche Richtung sich ein Gespräch entwickelt. Genauso, wie er manche Menschen beruhigen kann, rät er anderen, schnell die 112 zu wählen. „Schwierig wird es vor allem dann, wenn man mit Eltern spricht, die Probleme haben, sich auf Deutsch zu verständigen oder bei denen man zugleich merkt: Die sind in Panik.“ Nach jedem Gespräch fertigt Schaper ein kurzes Beratungsprotokoll an – damit immer nachvollziehbar ist, was er empfohlen hat.

Schapers Erfahrung nach lassen sich die Fälle in drei gleich große Gruppen einteilen: Bei einem Drittel der Anrufe geht es um kleine Kinder, die unbekannte Pflanzen zu sich genommen haben oder die Herztabletten der Großmutter oder Spülmittel. Bei einem weiteren Drittel stehen ihm zufolge erwachsene Suizidgefährdete im Zentrum, meist haben sie Tabletten geschluckt. „Und beim letzten Drittel geht es dann um alles andere“, sagt Schaper. Insektenstiche könnten das sein, Pilzvergiftungen oder Schlangenbisse.

Der Beratungsalltag hat sich im vergangenen Jahr spürbar geändert. So habe es während der Corona-Lockdowns deutlich mehr Notrufe wegen Vergiftungen mit Desinfektionsmitteln gegeben – im April und Mai 2020 sogar jeweils 160 statt den üblichen 50. Wie sehr Corona in den Alltag der Menschen hineinwirkt, wird auch von einer Beobachtung eines anderen Giftinformationszentrums unterstrichen, nämlich dem in München: Hatten sich dort im gesamten Jahr 2018 noch 71 Menschen gemeldet wegen einer mutmaßlichen Vergiftung mit einem Bärlauch-Doppelgänger, so wurde diese Zahl 2021 bereits im März mit 72 übertroffen. Eine denkbare Ursache für diesen Anstieg sei, dass viele Menschen in der Pandemie öfter zu Hause kochen.

In Deutschland gibt es insgesamt sieben Giftinformationszentren und Giftnotrufe. Sie alle sind zuständig für ein oder mehrere Bundesländer – keines jedoch deckt eine so große Fläche ab wie das Giftinformationszentrum-Nord. Deswegen geschieht es auch häufig, dass Menschen anrufen, die anderswo zu Hause sind als in Norddeutschland. „Die weisen wir natürlich nicht ab, sondern beraten sie wie alle anderen“, sagt Schaper. Das habe sogar für die Anfrage gegolten, die vor einiger Zeit aus Grönland kam.  epd

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