Nur einzelne Medienvertreter dürfen den Prozess gegen eine heute 52 Jahre alten Mann begleiten. - Foto: dpa

52-Jähriger schweigt am ersten Tag vor dem Flensburger Jugendgericht

„Er bereut, dass da was vorgefallen ist“

Flensburg/Schleswig - Knapp 35 Jahre nach dem gewaltsamen Tod einer Rentnerin hat vor dem Flensburger Landgericht der Mordprozess gegen einen heute 52 Jahre alten Mann begonnen. Staatsanwalt Axel Schmidt warf dem damals 17-Jährigen vor, im Juni 1982 eine Rentnerin in Schleswig in ihrer Wohnung ermordet zu haben.

„Er verschaffte sich Zugang unter dem Vorwand, telefonieren zu wollen“, erklärte der Staatsanwalt. Tatsächlich habe sich der damals drogenabhängige Jugendliche nach Bargeld und Wertgegenständen umgesehen. Als es zum Streit kam, habe er die Frau mit einem Sofakissen erstickt. Anschließend soll er ihre Kleidung mit einem Messer aufgeschnitten und sich an ihr vergangen haben. Mit rund 20 erbeuteten Münzen, die er später verkaufte, sei er geflohen.

Der vor dem Jugendgericht angeklagte Familienvater aus Ostholstein nahm die Vorwürfe regungslos auf. Eine Spermaspur hatte ihn laut Staatsanwaltschaft im Sommer 2016 überführt, Polizisten stellten ihn auf der Flucht in einem Saarbrücker Hotel. Seit 2012 hatten die Ermittler wieder intensiver an dem lange ungeklärten Fall gearbeitet. Es gelang ihnen, die am Tatort sichergestellte DNA zu entschlüsseln, ein erster Massen-Gentest blieb jedoch zunächst erfolglos.

Der Angeklagte soll die damals 73-Jährige getötet haben, als sie ihn beim Durchwühlen der Schränke erwischte. Dabei sei es „irgendwie aus dem Ruder gelaufen“, sagte der Angeklagte laut einem Polizisten bei seiner Vernehmung. Er habe ausgesagt, es sei darum gegangen, „sie zum Schweigen zu bringen, damit sie nicht schreit, nicht die Polizei ruft“. Vor Gericht will der Angeklagte erst im Laufe der kommenden Verhandlungstage aussagen.

Der Angeklagte ist bereits für ein Tötungsdelikt verurteilt worden

Am Rande der Verhandlung wurde bekannt, dass der Mann bereits 1986 in Lübeck wegen eines Tötungsdeliktes zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt worden war. In Oldenburg (Holstein) hatte er einen Siebenjährigen erwürgt. Ausgerechnet diese Entscheidung könnte dem Angeklagten im Fall einer Verurteilung nun eine geringe Haftstrafe bescheren. „Das kann das Strafmaß verändern“, sagte Staatsanwalt Schmidt. Denn das Jugendstrafrecht sieht grundsätzlich eine maximale Freiheitsstrafe von zehn Jahren vor.

Welche Folgen die Regelung für den Angeklagten konkret hat, wollte Schmidt zunächst nicht abschätzen. Denn die Ermittler hatten den Familienvater beim ersten Prozess noch nicht mit dem gewaltsamen Tod der Schleswiger Rentnerin vier Jahre zuvor in Verbindung gebracht.

Ob ihr Tod auch noch mit einem Sexualdelikt einherging, blieb am ersten Verhandlungstag offen. „Sobald wir das Thema ansprachen, war Schluss“, sagte der Polizist, der den Angeklagten nach seiner Festnahme befragt hatte. Der Staatsanwalt geht daher statt von einem Sexualmord von dem für den Angeklagten günstigeren Fall aus – dass er sexuelle Handlungen erst nach dem Tod der Frau vorgenommen hat.

Beweisfindung nach 35 Jahren kompliziert

„Er bereut, dass da was vorgefallen ist“, sagte der Anwalt des Mannes. Was genau in der Wohnung der Frau passiert sei, müsse der Prozess zeigen. So lange nach der Tat, die Wahrheit herauszufinden, sei „für alle Seiten schwierig“. Sein Mandant sei nach Jahrzehnten aus seiner Familie und seinem Alltag herausgerissen worden.

Da der Angeklagte bei der Tat erst 17 Jahre alt war, findet die Verhandlung vor dem Jugendgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wegen des großen öffentlichen Interesses und des hohen Alters des Mannes ließ die Kammer einzelne namentlich benannte Pressevertreter zu. Anders als ein Jugendlicher sei der Angeklagte durch den Prozess nicht „in seiner weiteren Entwicklung beeinträchtigt“. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm maximal zehn Jahre Gefängnis.   J dpa

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