Ulrich Wilckens schaut in Buch auf seine Jugend zurück

Bischof mit NS-Vergangenheit

Ulrich Wilckens 1989 in der Nordelbischen Kirche. In seinen erschienenen Erinnerungen schildert er Erlebnisse aus seiner NS-Vergangenheit. Foto: dpa

Lübeck/Schwerin – Der Lübecker Altbischof Ulrich Wilckens hatte sich während des Zweiten Weltkriegs als 15-Jähriger zur Waffen-SS gemeldet. Dies machte der 91-Jährige in seinen gerade erschienenen Erinnerungen „Warum ich Christ wurde“ (Lutherische Verlagsgesellschaft) öffentlich. Nach dem Vortrag eines SS-Offiziers habe er unterschrieben, um seinem Vater, einem Hitler-Verehrer, einen Gefallen zu tun und zugleich die Ehre seiner Schule zu retten. Denn Wilckens berichtet, er sei der Einzige gewesen. Da er eine jüdische Urgroßmutter hatte, hätte er gar nicht eintreten dürfen.

Bereits bei der Vorausbildung 1944 spürte Wilckens, berichtet er, einen „inneren Bruch mit der SS“. Die Liedzeile „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt (...)“ habe er nicht mitsingen können. Im Januar 1945 wurde Wilckens mit 16 Jahren zur Waffen-SS einberufen. Bei einem Einsatz bei München überrollte ihn ein Panzer. Wilckens überlebte unverletzt und beschreibt dies als Bekehrungserlebnis.

Warum er die Waffen-SS-Mitgliedschaft jetzt erst öffentlich macht? „Ich habe das nicht bewusst verschwiegen“, sagte Wilckens in einem Medienbericht. „Ich habe das für mich selbst weggewischt, weil mir ganz anderes wichtig war und weil ich von Anfang an innerlich nicht dazugehört habe.“ Diese in der Autobiografie geschilderten Details aus der Kindheit und Jugend von Wilckens „waren so zuvor nicht bekannt“, sagte ein Sprecher der Nordkirche in Schwerin. Dass Wilckens mit 16 Jahren kurz vor Kriegsende zum Fronteinsatz einberufen worden sei, sei aber bereits zuvor öffentlich berichtet worden.

„Es ist schwierig, heute diese Entscheidung eines damals 15-Jährigen, der im NS-Staat aufgewachsen ist, zu bewerten“, sagte der Kirchensprecher. „Wichtig ist aus unserer Sicht, dass Ulrich Wilckens, wie er schreibt, schon sehr kurz danach auf Distanz zum NS-System ging.“ Wilckens habe offenbar von Tausenden Schülern der Jahrgänge 1928 und 1929 gehört, die mit 15 oder 16 Jahren in der Schule Bereitschaftserklärungen abgaben und kurz vor Kriegsende als Kindersoldaten eingezogen wurden – auch von der Waffen-SS.

„Über solche Kindersoldaten berichtet beispielsweise „Spiegel online“ am 4. April 2014 in einem Beitrag über das Buch „Hitlers vergessene Kinderarmee“ des Hamburger Historikers und Journalisten Harald Stutte und nennt sie „jugendliche Zwangsrekrutierte“.

Wilckens stammt aus einem religionsfernen Elternhaus. Der gebürtige Hamburger lehrte als evangelischer Theologieprofessor für Neues Testament in Berlin und Hamburg. Von 1981 bis 1991 war er Bischof des Sprengels Holstein-Lübeck in der nordelbischen Kirche. Dass er eine schwere Krebserkrankung entgegen der Prognose der Ärzte überlebte, empfand er als zweites Wunder seines Lebens. Wilckens gehört zum konservativen Flügel der Nordkirche. Zur Abtreibung und zur Homo-Ehe hat er sich kritisch geäußert.

Die Nordkirche hat sich laut Kirchensprecher in den vergangenen Jahren intensiv mit der Aufarbeitung der Rolle der evangelischen Kirche im Norden während der NS-Zeit und des Umgangs damit in den Jahrzehnten nach 1945 befasst.

„Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass dieses Thema öffentlich diskutiert wird. Das werden wir auch künftig tun“, sagte der Sprecher weiter.  dpa

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