„NordArt“-Ausstellung in Büdelsdorf

Vom Edelstahl-Stinkefinger zum plüschigen Rolls Royce

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„Army of Niemand“ nennt der slowakische Künstler Viktor Freso seine Skulptureninstallation, zu sehen auf dem Gelände der NordArt. Mehr als 200 Künstler aus aller Welt zeigen vom 9. Juni bis 7. Oktober ihre Werke.

Büdelsdorf - Der fünf Meter hohe Stinkefinger aus Edelstahl mit dem Titel „Fuck You“ ist nur eine der glänzenden Provokationen der 20. „NordArt“. Geschaffen hat die Skulptur der Tscheche David Cerny – sein Land ist dieses Mal Länderschwerpunkt mit einer eigenen Ausstellungshalle.

Insgesamt sind rund 1 000 Kunstwerke von 200 Künstlern aus 50 Ländern zu sehen. Es gab 3 000 Bewerbungen aus mehr als 100 Ländern. Die Mini-Schau im schleswig-holsteinischen Provinzstädtchen Büdelsdorf hat sich längst zu einer der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa gemausert.

Die Erfolgsstory der „NordArt“ abseits des etablierten Kunstbetriebs erzählt sich fast märchenhaft: Es war einmal ein Künstler (Wolfgang Gramm), der seinen heutigen Freund, einen wohlhabenden Unternehmer und Kunstfreund (Hans-Julius Ahlmann), in Büdelsdorf bei Rendsburg, dafür begeisterte, Kunstausstellungen zu machen. Nach einigen kleinen Schauen stieg dann 1999 die erste NordArt.

Sie wird morgen nach einem Pre-Opening in der ehemaligen Eisengießerei Carlshütte offiziell eröffnet. Bis 7. Oktober ist sie in dem zu einem Ausstellungsgelände umgebauten Industriedenkmal mit Skulpturenpark und Wagenremise zu sehen. 

Zum Programm gehören Konzerte des Schleswig-Holstein-Musik-Festivals mit Stars wie dem Percussionisten Martin Grubinger, Orgel-Tausendsassa Cameron Carpenter und der Klarinettistin Sabine Meyer sowie Poetry Slams. Seit dem Ausbau einer Industriehalle zum Konzertsaal ist das Festivalorchester hier zu Hause und lädt zu Proben ein.

Von ursprünglich 1 000 auf 100.000 Besucher

Kamen damals vielleicht 1 000 Menschen, so waren es im vorigen Jahr 100 000 – darunter viele aus dem Ausland. „Auch vier Reisebusse mit chinesischen Touristen fanden den Weg zu uns“, sagt Ko-Kuratorin Inga Aru. „Das Besucherinteresse ist in den Jahren stetig gestiegen.“ Die Spielregeln sind simpel: Jeder Künstler aus jedem Land der Erde kann sich bewerben, dann wählt eine Jury aus.

Ahlmann verweist im Katalog auf den Ausbau des Areals. „1998 konnten die großen Hallen der ehemaligen Gießerei Carlshütte erworben werden, in die seitdem Stück für Stück die Kunst in mächtige Dimensionen gewachsen ist.“ Die NordArt sei erwachsen geworden. Seit 2012 gibt es einen Länderschwerpunkt. Vergeben werden ein mit 10 000 Euro dotierter NordArt-Preis und drei Publikumspreise.

Manche sprechen von der „Magie der Carlshütte“, sagt Gramm angesichts der Atmosphäre um die alten Industriehallen und das parkähnliche Gelände. Der Hauptkurator hat gute Kontakte nach China und holt immer wieder Künstler aus dem Reich der Mitte.

Wie schon 2017 gehören zwei 30 Meter lange „Phönix“-Skulpturen zu den spektakulärsten Kunstwerken, diesmal sind sie noch mit unzähligen LED-Lichtern illuminiert. Der Chinese Xu Bing hat seine gigantischen, aus Schrott gefertigten Vögel schon auf der Kunstbiennale in Venedig gezeigt. Er präsentiert auf der NordArt auch seine „Background Story“: Eine sechs Meter lange Milchglasscheibe spiegelt in sich eine Landschaftsidylle, zeigt bei rückseitiger Betrachtung aber Müll. 15 chinesische Künstler sind zum runden Geburtstag dabei.

Zum Nachdenken anregen

Kunstwerke, die provozieren und zum Nachdenken anregen, gibt es viele. Der Franzose Gilles T. Lacombe zeigt ein Hänge-Mobile aus 14 000 kleinen Bleikugeln in Form einer Atombombe – ein Hinweis auf die 14 000 scharfen Atombomben weltweit. Seine Arbeit „Alles muss raus“ ist eine bitterböse Rauminstallation von 17 Autoreifen, die jeweils einen Fuchs überfahren – dafür hat der Künstler Fuchspelze (mit Kopf und Beinen) für Kleidungsstücke auf E-Bay gekauft.

Der Slowene Viktor Freso zeigt die Rauminstallation „Army of the Niemand“: 16 wie tot stehende Baby-Figuren mit geschlossenen Augen und riesigen Erwachsenen-Köpfen. Nur eine Figur schaut zur Seite und wirkt nicht normiert. Der Pole Pawel Wocial hat einen Rolls Royce gebaut und mit unzähligen Second-Hand-Stoffpuppen als Außenhaut gestaltet. Titel: „Spirit of Ecstasy“. Die Israelin Rotem Ritov zeigt vermeintliche Schmetterlinge aus buntem Blech, die sich von Nahem als Hubschrauber, Panzer und Zerstörer erweisen.

„Die Künstler beschäftigen sich mit den Unsicherheiten in der Welt“, spürbar ist die Suche danach, warum wir unsere Welt selber vernichten“, sagt Kuratorin Aru. Der tschechische Pavillon mit Arbeiten von 13 Künstlern hat sein eigenes Thema – „An den Grenzen von Unendlichkeit und Zukunft“.

dpa

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