Stefan Seidler (SSW), steht vor der Kulisse der Stadt Flensburg am Hafen.
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Stefan Seidler (SSW), steht vor der Kulisse der Stadt Flensburg am Hafen.

Für den SSW-Abgeordneten Stefan Seidler ist im Bundestag vieles noch neu

„Ein bisschen Muffensausen“

Flensburg – Stefan Seidler zu finden, das ist nicht ganz einfach. Noch gibt es kein Schild, das auf sein neues Wahlkreisbüro in den Räumen der „Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig“ (dänische Zentralbibliothek für Südschleswig) in Flensburg hinweist. Seit einem guten Monat empfängt der Politiker, der bei der Bundestagswahl am 26. September einen Sitz für die Minderheitenpartei SSW im Bundestag erhalten hat, dort in sitzungsfreien Wochen Bürger zu Gesprächen.

Die Schilder werden demnächst angebracht, versichert Seidler, als er seinen Besuch am Haupteingang der Bibliothek in Empfang nimmt.

Nach mehr als 60 Jahren ist der Südschleswigsche Wählerverband 2021 erstmals wieder bei einer Bundestagswahl angetreten. Die Fünf-Prozent-Hürde gilt für den SSW als Partei einer nationalen Minderheit nicht. Sie musste nur so viele Stimmen gewinnen, dass ihr nach dem Berechnungsverfahren ein Sitz zusteht. Für den SSW war es eine Rückkehr nach sehr langer Zeit. 1949 hatt Hermann Clausen als bislang einziger Abgeordneter für eine Legislaturperiode den Einzug ins nationale Parlament geschafft.

Vier Monate nach der Wahl und drei Monate nach der konstituierenden Sitzung ist vieles für Seidler noch immer neu. „Für mich ist nach 100  Tagen immer noch die Zeit, dass alles das erste Mal ist.“ Anders als andere Neulinge im Bundestag kann der Flensburger nicht auf das Wissen und die Strukturen einer Fraktion zurückgreifen. Sein erster Ansprechpartner für alles war die „sehr freundliche“ Bundestagsverwaltung. Um einen Rechner samt Zugang zum System und Mailaccount zu erhalten, musste er in eines der eher unscheinbaren Verwaltungsgebäude. „Da saß ein junger Mann, der musste mir dann erklären, wie das Ganze dort läuft“. Normalerweise machten so etwas bestimmt Mitarbeiter der Fraktionen, meint Seidler.

Es gab Angebote mehrerer Fraktionen, bei ihnen unterzukommen. Aber: „Ich hab das überall freundlich abgelehnt“, sagt er. Auf eine Kooperation ist der Vertreter der dänischen Minderheit, der seit 2014 Dänemark-Koordinator der schleswig-holsteinischen Landesregierung war, weiterhin bedacht. „Aber die Unabhängigkeit ist mir wichtig, um gerade auch die Themen anzusprechen, die mir wichtig sind.“ So habe er alle Freiheiten, sagt Seidler. „Ich kann ans Rednerpult, wann ich möchte, zu den Themen, zu denen ich möchte.“ Vielleicht sei die Redezeit nicht so lang, aber dann müsse man sich eben kürzerfassen.

Gesprochen hat der Vater zweier Töchter bisher zweimal im Bundestag – das erste Mal nach der Regierungserklärung des neu gewählten Bundeskanzlers Olaf Scholz am 15. Dezember. „Anfangs war ich sehr nervös und aufgeregt“, sagt der 42-Jährige. Zwischenzeitlich sei der Puls wieder gesunken, „aber ganz ehrlich, als ich dann runter gehe und sehe, wer in der ersten Reihe alles sitzt und mir zuhört, da hat man denn natürlich doch ein bisschen Muffensausen.“

Nach seiner auf Dänisch geschlossenen Rede sei er aber ganz zufrieden gewesen. „Eigentlich hat das ganz gut geklappt.“ Mittlerweile hat Seidler bereits ein zweites Mal im Bundestag geredet und auch seine erste Anfrage an die Bundesregierung gestellt.

Fraktionstreffen hat Seidler zwar nicht, aber „jeden Dienstag haben wir unser Teammeeting“, sagt er mit einem Lachen. Dazu werden auch die Flensburger Mitarbeiter geschaltet. „Und sonst sag ich immer aus Spaß, ich kann auch einfach die Augen zu machen und dann hab ich auch Fraktionssitzung.“ Seidler wird wieder ernst: „Wir sind ja eine vernünftige, etablierte Partei.“ Es sei ihm wichtig zu zeigen, dass der SSW konstruktiv mitarbeite und keine Klamaukpartei sei.

Allein und auf verlorenem Posten fühlt Seidler sich nicht. „Im Gegenteil.“ So habe er auf der einen Seite sein Team. Je zwei Mitarbeiter hat er bisher in Berlin und Flensburg. Die beiden in Berlin kennen die Arbeit im Bundestag. „Meine Büroleiterin war bei den Linken, mein wissenschaftlicher Mitarbeiter war vorher bei der CDU.“ Seidler findet, diese Bandbreite stehe dem SSW gut zu Gesicht. „Wir sagen ja immer, dass wir Brücken bauen möchten.“

Zudem sei er mit anderen Abgeordneten verschiedener Fraktionen in einer neu gegründeten Gruppe zum Thema Plattdeutsch. Auch eine kleine Gruppe von Abgeordneten, die sich mit den Minderheiten befasst, hat sich erstmals getroffen. Seit Anfang Januar sitzt Seidler im Innenausschuss, der auch für Minderheitenpolitik zuständig ist. Er hat dort auch Antrags- und Rederecht.

Und während in Flensburg nur das Schild am Abgeordnetenbüro fehlt, mangelt es dem Parlamentarier in der Bundeshauptstadt noch an einer Wohnung. „Der Wohnungsmarkt in Berlin ist eine riesige Katastrophe“, sagt er. Er wohne in den Sitzungswochen bisher im Hotel. „Das klingt teuer und nobel. Aber wenn man weiß, wie die Mietpreise in Berlin sind, dann läuft das letztendlich aufs Gleiche hinaus.“ Immerhin hat er nun sein richtiges Abgeordnetenbüro bekommen. „Ich war ja bisher provisorisch untergebracht.“ Nun sitzt er in einem der Abgeordnetenhäuser, dem Jakob-Kaiser-Haus. Näher an den aktiven Parlamentariern, an Informationen.

Von Birgitta Von Gyldenfeldt

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