Während die Schauspieler auf der Bühne ihren Text sprechen, erzeugt Geräuschemacher Marc Franciso im Hintergrund in einem Kiesbett die Schrittgeräusche.
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Während die Schauspieler auf der Bühne ihren Text sprechen, erzeugt Geräuschemacher Marc Franciso im Hintergrund in einem Kiesbett die Schrittgeräusche.

HINTER DEN KULISSEN Geräuschemacher am Kalkberg

Ein Koffer wird zur Postkutsche

Mit der Aufführung von Hörspielen für kleine Gruppen umgeht die Freilichtbühne Bad Segeberg die Coronaauflagen. Neben einigen Schauspielen sind auch zwei Geräuschemacher im Einsatz.

Dort, wo gleich nebenan normalerweise die Karl-May-Spiele mit etwa 400 000 Besuchern pro Saison über die Bühne gehen, gibt es Old Shatterhand und Winnetou in diesem Jahr coronabedingt stattdessen zum Hören. Zwar stehen auch sieben Schauspieler auf der Bühne, doch im Mittelpunkt steht die Geschichte zum Hören. Entsprechend wichtig ist die Arbeit von Schmitz, der nicht nur zusammen mit Marc Franciso die Geräusche macht, sondern auch in sieben Rollen schlüpft.

Das Kalkberg-Team hatte nur wenig Zeit zum Üben. Am Montag hatten sich die Schauspieler, Geräuschemacher, Tontechniker, der Waffenmeister sowie Drehbuchautor und Regisseur Michael Stamp erstmals für Proben getroffen. Am Donnerstag war bereits Premiere.

Stamp hatte zuvor schon 22 Stücke für die Karl-May-Spiele geschrieben. Dass er mal ein Hörspiel für das Freilichttheater verfassen würde, hätte er eher nicht gedacht. Dennoch ging es ihm leicht von der Hand. „Winnetou –Das Gold der Rocky Mountains“ basiert auf dem Karl-May-Roman „Weihnacht“. Das Drehbuch für das Live-Hörspiel sei deutlich kompakter als seine Drehbücher für die Arena. Sonst muss viel Text die Zeit überbrücken, bis die Schauspieler auf ihre Pferde gestiegen oder am neuen Szenenort angekommen sind.

Dafür sind gleichzeitig noch wildere Abenteuer möglich. „Im Hörspiel geht eben alles. Ob der Kampf auf einem Mississipi-Dampfer oder das Springen auf fahrende Züge. Das nutzen wir schamlos aus“, erzählt Stamp. Um die Zuschauer auch als Zuhörer auf diese Reise mitnehmen zu können, sind die Geräusche umso wichtiger.

Klar, das Dampfen der Lok, das Reiten der Pferde und das Knallen der Gewehre könnten auch einfach vom Band eingespielt werden. Und zum Teil wird es das auch. „Das Wiehern der Pferde können wir hier gar nicht so gut machen. Außerdem müsste Patrick das dann auch machen, während er gerade eine andere Rolle spielt. Und das kann schnell albern werden. Das Hörspiel soll ja keine Parodie sein“, so Stamp.

Also werden etwa 200 Geräusche digital eingespielt. Weitere rund 140 Geräusche dagegen müssen Schmitz und Francisco live und sekundengenau auf der Bühne erzeugen. Dabei muss im wahrsten Sinne des Wortes jeder Schuss sitzen. Ihr Einsatz ist ebenso im Drehbuch vermerkt wie der aller anderen Schauspieler.

Rund 50 Utensilien liegen dafür vor dem Salon des Indian Village auf und unter einem alten Holztisch neben der Bühne. Von einer Wanne voll mit Wasser über Gläser und Flaschen und kleinen Revolvern bis hin zu einem Karton voll mit Musik- und Videokassetten-Bandsalat. „Damit sorgen wir für das Rascheln, wenn sich Winnetou und Old Shatterhand durchs hohe Gras schleichen“, sagt Schmitz.

Einen Stoffkoffer mit kleinen Glocken lassen Schmitz und Franciso zur Postkutsche werden. Der Deckel eines Alukoffers wird mithilfe einer Bürste zu einer ankommenden Dampflok und die Luftballons im Zollstock klingen wie das Flügelschlagen von Fledermäusen. „Dass diese einfache Konstruktion dieses Geräusch so täuschend echt nachmacht, hat mich am meisten begeistert“, sagt Schmitz. Die passenden Quietschgeräusche zur Fledermaus macht er übrigens gleichzeitig mit einem nassen Finger auf einer Poolnudel. Und – logisch, was sonst – das Pferdegetrappel kommt von Kokosnüssen.

Schmitz und Franciso haben die Geräuschemacherei für das Karl-May-Live-Hörspiel spontan gelernt. Beide gehören schon lange zum Kalkberg-Team. Schmitz hatte zuletzt die komischen Rollen übernommen, Franciso ist langjähriger Statist. Schmitz ist für einige Tage in die „Lehre“ bei einem befreundeten Team von Geräuschemachern gegangen. Als Ausbildungsberuf gibt es dies nicht. Deshalb wird das Wissen im Lehrer-Schüler-Modus weitergegeben.

Auch die Hörspiel-Gemeinschaft – ein Zusammenschluss von etwa 120 Verlagen, Medien, Autoren, Sprechern und Hörspielliebhabern – kennt den Wert von Fachleuten für den richtigen Sound. „Mit den richtigen Geräuschen sind die Hörspiele viel authentischer. Wenn im Hintergrund die quietschende Tür zu hören ist oder die Schritte über Kies deutlich vernehmbar lauter oder leiser werden, dann ist das total lebendig“, sagt Vereinsvorsitzende Christine Lemke-Munsch dazu. Ob Hörspiele – ob live oder für daheim – durch Corona deutlich mehr nachgefragt werden, konnte sie nicht sagen. „Sicher ist aber, Hörspiele haben eine sehr treue Fangemeinde.“

Und weil das bei den Karl-May-Spielen nicht anders ist, legen Francisco und Schmitz und das Kalkberg-Team großen Wert auf gutes Kopfkino. Und tatsächlich sind es vor allem die Geräusche, die das Live-Hörspiel so faszinierend machen. Schmitz: „Ich glaube, die Fans werden im Kopf die Karl-May-Spiele so erleben, wie sie sie immer kennen. Das Publikum sieht den Adler sozusagen trotzdem fliegen.“  dpa

Von Christiane Bosch

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