„Die Reise nach Reims“ feiert in Kiel Premiere

Eine neue Dimension von Oper

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Nach Angaben der Veranstalter hat es eine Inszenierung wie „Die Reise nach Reims“ in Deutschland noch nicht gegeben.

Kiel - Von Matthias Hoenig. Mit Bravo-Rufen und großem Beifall ist eine in Deutschland bisher einzigartige Inszenierung von Rossinis vergnüglicher Oper „Die Reise nach Reims“ in Kiel gefeiert worden. Reale Sänger agierten gemeinsam mit gigantischen Comicfiguren, die auf einer riesigen Leinwand als Bühnenhintergrund gezeigt wurden.

So entstand am Samstagabend eine fast surreale Täuschung der Sinne mit kitschig-schönen, aber auch satirisch-frivolen Traumbildern. Die Inszenierung – eine Gemeinschaftsproduktion der Theater Kiel, Lübeck und Verona – schuf eine neue Dimension von Oper.

Wie bei der illusionistischen Malerei eines Trompe-l’œil wird eine Mehrdimensionalität vorgetäuscht – etwa wenn in einer Trickfilmszene Äpfel aus einer Schale fallen und dann tatsächlich Früchte auf die Bühne kullern. 

Oder wenn von der Leinwand ein gezeichneter Amor einen Pfeil auf einen liebestrunkenen Protagonisten auf der Bühne abschießt und dieser dann wirklich einen Pfeil im Hintern stecken hat. Oder ein geiler Franzose wie ein Exhibitionist seinen Mantel hin zur Leinwand öffnet und dort ein Elefantenrüssel erscheint, dessen Ende wie ein Mund die Arie singt.

Rückblende: Rossini hatte 1825 als neuer Leiter des Theatre-Italien in Paris die Oper „Il viaggio a Reims“ extra zur Krönung des französischen Königs Karl X. verfasst – eine augenzwinkernde Huldigung, aber nicht nur: So wurden auch die Eigenheiten der europäischen Völker karikiert und die Einheit Europas beschworen. Das Premierenpublikum soll sich damals gefreut und der König gegähnt haben – was dieser als Büste im Trickfilm bei den größten Sanges-Elogen auf ihn denn auch macht.

In mühevoller Kleinarbeit wurde die zum Teil lange verschollene Partitur rekonstruiert und erstmals 1984 beim Rossini-Festival in Pesaro unter der Leitung von Claudio Abbado glanzvoll wiederaufgeführt. Seitdem hat dieses Werk mit seiner Belcanto-Musik einen Siegeszug an vielen Opernhäusern angetreten.

Die Handlung in Kurzform: Auf dem Weg zu den Krönungsfeierlichkeiten von Karl X. in Reims bleiben Reisende verschiedener europäischer Nationalitäten in einem Badehotel stecken, weil eine Postkutsche verunglückt ist. Am Ende dürfen alle weiter nach Paris, weil Karl X. dort ein zusätzliches Fest angesetzt hat. Im Comic stürzt am Ende auch diese Kutsche in den Abgrund.

Die aufwendige Inszenierung wird am Sonntag mit einem anderen Ensemble Premiere in Lübeck haben und im Mai in der Arena di Verona.

dpa

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