„Das stimmt nicht“

Ex-Chef des Weißen Rings weist Vorwürfe zurück

Der frühere Leiter der Lübecker Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring spricht beim Prozessauftakt im Gericht mit seinem Verteidiger Oliver Dedow. Foto: dpa

Lübeck – Großer Andrang am Lübecker Amtsgericht: Dort hat am Donnerstag der Prozess gegen den rüheren Leiter der Lübecker Außenstelle der Opferschutzorganisation Weißer Ring begonnen. Dem heute 74-Jährigen wird eine mehr als drei Jahre zurückliegende exhibitionistische Handlung vorgeworfen.

Im April 2016 soll der Ex-Chef während eines Beratungsgesprächs mit einer Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden war, sein Geschlechtsteil entblößt haben, heißt es in der Anklage, „Das stimmt nicht. Ich kann mir nicht erklären, wie sie zu diesen Vorwürfen kommt“, sagte der Angeklagte zum Prozessauftakt.

Doch die heute 41-Jährige bleibt dabei. „Er stand plötzlich links neben meinem Stuhl, öffnete seine Hose und holte seinen Penis heraus“, sagte sie. Er habe sie auch aufgefordert, sich selbst zu entblößen und ihn zu berühren, sagte die Zeugin, die in dem Prozess auch Nebenklägerin ist. „Das habe ich natürlich nicht getan, und das habe ich ihm auch klar zu verstehen gegeben“, sagte die mehrfache Mutter. Sie sei einfach schockiert gewesen.

Anzeige habe sie nicht erstattet, weil sie keine Zeugen gehabt habe, sagte sie auf eine Frage der Staatsanwaltschaft. Diese hat eine Sachverständige damit beauftragt, ein Glaubwürdigkeitsgutachten zu erstellen.

Der Angeklagte – grauer Anzug, hellgraues Hemd, gestreifte Krawatte – gab sich gelassen. Die Zeugin sei ihm durchaus sympathisch gewesen, sagte er. „Doch es ist das Prinzip des Weißen Rings, allen Hilfesuchenden bestmöglich zu helfen, unabhängig von persönlicher Sympathie oder Antipathie“, sagte er.

Im Fall der damals mit dem vierten Kind schwangeren Nebenklägerin habe er ihr beim ersten Kontakt eine Soforthilfe in Höhe von 250 Euro sowie Serviceschecks für anwaltliche und psychologische Hilfe gegeben. Auch bei der Suche nach einer neuen Wohnung habe er geholfen.

Die Frau war nach eigenen Angaben Anfang April von ihrem Mann verlassen worden, der Geld und EC-Karte mitgenommen habe. Zudem habe sie mit ihrem Arbeitgeber im Clinch gelegen, und ihr sei die Wohnung gekündigt worden. „Mir ging es damals ziemlich schlecht“, sagte sie.

Umso mehr habe es sie geärgert, dass der Angeklagte ihr vorgeschlagen habe, sie könne doch für einen Escort-Service in Hamburg arbeiten. „Das habe ich natürlich zurückgewiesen.“ Nach Erinnerung des 74-Jährigen. kam die Idee mit dem Escort-Service allerdings von der Nebenklägerin. „Sie hat immer wieder betont, dass sie dringend Geld braucht. Dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht reiche Männer kennen würde, die ich ihr vorstellen könnte“, sagte er vor Gericht.

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft im September 2018 Anklage gegen den Ex-Chef des Weißen Rings. in insgesamt vier Fällen, unter anderem auch wegen Körperverletzung und sexueller Nötigung, erhoben. Das Gericht hatte jedoch nur die Anklage wegen der exhibitionistischen Handlung zur Verhandlung zugelassen. In den übrigen drei Fällen bestehe kein hinreichender Tatverdacht. Ursprünglich hatten 29 Frauen dem pensionierten Polizisten sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Der Prozess wird heute fortgesetzt. Dann soll zunächst darüber entschieden werden, ob die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, wenn es um das Vorleben der Zeugin geht.  dpa

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