Fahrer gesteht Millionenraub 

Überraschende Wende im Prozess um den Diebstahl aus einem Geldtransporter

Kiel - Eigentlich wollte er „nur“ 50 000 Euro mitgehen lassen, dann wurden es aber doch rund 2,4 Millionen Euro. Der 41-Jährige setzte darauf, dass sein Sicherheitsunternehmen das Verschwinden eines fünfstelligen Betrags aus einem ihrer Geldtransporter als „eine interne Sache“ ansehen würde. Doch es kam anders. Der Mann geriet nach der Tat vom 24. Januar schnell unter Verdacht. Seit Anfang September muss sich der Geldtransporter-Fahrer für den spektakulären Millionenraub in Schleswig-Holstein vor Gericht verantworten. Gestern legte er vor dem Kieler Landgericht überraschend ein Geständnis ab.

Nur eine Geldkassette habe er ursprünglich mitgehen lassen wollen, sagte der 41-Jährige. Dann habe er sich an besagtem Tag auf dem Parkplatz einer Tankstelle an der Bundesstraße 404 in Kirchbarkau (Kreis Plön) spontan umentschieden. Statt einer Kassette reichte er seinem mutmaßlichen Komplizen drei schwere Geldboxen via Hebebühne herunter, damit der 48-Jährige diese in einen gemieteten Kleintransporter verladen konnte. Von einem Impuls sprach der Mann. Der Mitangeklagte bestätigte seine Beteiligung an der Tat. Beide Angeklagten sitzen in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet auf gemeinschaftlichen Diebstahl mit Waffen in einem besonders schweren Fall. Denn der Fahrer hat an dem Tag laut Staatsanwaltschaft eine geladene Dienstpistole bei sich geführt. Fahrer und Beifahrer des Geldtransporters hatte das Unternehmen nach dem Coup entlassen. Auch der Beifahrer war nach der Tat ins Visier der Ermittler geraten. Das Verfahren gegen ihn wurde jedoch eingestellt.

Während seines Geständnisses belastete der Fahrer des Geldtransporters den 39-Jährigen gestern jedoch. Dieser sei in die Pläne eingeweiht gewesen. Er habe 15 000 Euro von der erwarteten Beute in Höhe von 50 000 Euro erhalten sollen, sagte der Angeklagte. 10 000 Euro habe er seinem Komplizen angeboten, den Rest wollte der Fahrer selbst einstecken. An der Tankstelle soll er den Beifahrer gebeten haben, Kaffee zu holen. „Er sollte ein Alibi haben“, sagte der Mann.

Der damalige Beifahrer wies die Vorwürfe entschieden zurück. „Ich habe mit der Sache nichts zu tun“, sagte der 39-Jährige. Die Vorwürfe empfinde er als „ganz schön heftig“. Die Kammer will den gestern als Zeugen geladenen Mann im Beisein eines Rechtsanwalts zu einem späteren Zeitpunkt befragen.

Von dem Geld fehlte nach der Tat zunächst jede Spur. Der Komplize schilderte, wie er die Geldboxen mit einem Kleintransporter nach Hamburg gebracht, dort in der Garage des 41-Jährigen abgeladen und eine dunkle Decke darüber gelegt habe. Er sei von diesem wenige Tage vor dem Raub um Hilfe gebeten worden. Der Umfang habe ihn überrascht. „Ich habe gesagt: Du hast von einem Behälter gesprochen. Jetzt sind es drei“, habe er dem Fahrer in Kirchbarkau entgegnet.

Das Geld versteckten beide Männer nach eigenen Angaben später in verschiedenen Fahrzeugen. Seiner Familie erzählte der Geldtransporter-Fahrer nichts. Sie habe „keinen Cent bekommen“. Überhaupt will er nur etwa 5 000 Euro von der Beute verbraucht haben für den Kauf von Gebrauchtwagen und Lebensmittel.

Die Ermittler waren früh überzeigt, dass Fahrer oder Beifahrer in den Coup involviert gewesen sein mussten. Wochenlang wurden die Männer rund um die Uhr observiert. Erst Ende März schlugen die Beamten zu, durchsuchten acht Wohnungen und Fahrzeuge. Das Geld war in verschiedenen Wagen versteckt – etwa in Hohlräumen und Zierkissen. Laut Staatsanwalt Florian Müller-Gabriel fehlten von der Beute jedoch 87 000 Euro. Zudem habe sich der Angeklagte ein Motorrad gekauft und sei mit seiner Familie trotz Arbeitslosigkeit in den Urlaub gefahren. „Skiurlaub machen wir aus Leidenschaft.“

Sein Mitangeklagter will nichts von dem Geld gewollt haben. An seinen Aussagen vor Gericht zeigte Staatsanwalt Müller-Gabriel aber Zweifel: „Kommt es denn oft vor, dass ihnen jemand so viel Geld anbietet?“ Darauf entgegnete der Angeklagte, das sei für ihn nicht so wichtig. „Ich hab’ Leere im Kopf.“ Den 41-Jährigen erschrak nach der Tat eine Reaktion der Tochter. Die habe sich auf dahingehend geäußert, dass der Fall bestimmt bald aufgeklärt werde. Sein Verteidiger Martin Schaar sagte, grundsätzlich könne ein Geständnis in dem Prozess strafmildernd berücksichtigt werden. Das Verfahren wird am Freitag fortgesetzt. - dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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