680 Beschwerden gehen bei Stelle ein

Hilfe für Heimkinder:  Falsche Familie oder Schläge

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Wenn mehr als der Schuh drückt: 50 Kinder haben sich von 2016 bis heute direkt an die Beschwerdestelle gewandt.

Kiel - Erzieher brüllen Kinder an, zwingen sie, alles aufzuessen, was auf dem Teller ist, verbieten einem Jungen lange Haare oder wenden sogar körperliche Gewalt an: Das gibt es in Heimen in Schleswig-Holstein offenkundig immer noch. Darüber berichtete Samiah El Samadoni, die Bürgerbeauftragte für soziale Angelegenheiten als Ombudsfrau in der Kinder- und Jugendhilfe, Donnerstag in Kiel. Es seien einzelne Erzieher, die zu zweifelhaften pädagogischen Methoden griffen. El Samadoni stellte ihren ersten Tätigkeitsbericht zu diesem Komplex vor.

Die Einrichtung der Beschwerdestelle war eine Konsequenz aus dem sogenannten Friesenhof-Komplex, der vor Jahren großes Aufsehen verursachte. Auslöser waren damals Berichte über Missstände in mittlerweile geschlossenen Friesenhof-Heimen. Ob es so etwas wie einen Friesenhof noch heute gibt? „Ich kann es nicht ausschließen“, sagte El Samadoni. Und sie betonte: „Der Anspruch auf gewaltfreie Erziehung gilt für alle Kinder.“ Es sei schwierig, die Gesamtsituation im Land zu bewerten. Verbessert hätten sich in jedem Fall die Heimaufsicht und die Wahrnehmungen im Umfeld der Kinder.

2016 und 2017 nahm die Stelle, in der El Samadoni zwei Mitarbeiter an der Seite hat, mehr als 400 Beschwerden entgegen. „Das hat unsere Erwartungen weit übertroffen“, sagte sie. Mittlerweile hat sich die Gesamtzahl auf rund 680 erhöht. 43 stufte sie als schwerwiegend ein. Das Spektrum ist sehr breit. Es reicht von Handyverboten, Klagen über das Essen und Schimmel im Heim bis hin zu Anschreien, körperlichen Übergriffen und Gängelungen in der Freizeit. Im Land leben laut El Samadoni etwa 6500 Kinder und Jugendliche in Heimen, Wohngruppen und Pflegefamilien, darunter 3000 aus anderen Bundesländern. Die meisten Beschwerden kamen aus der Altersgruppe der Sechs- bis 13-Jährigen.

„Alle Schritte werden mit den Kindern und Jugendlichen abgestimmt“, sagte El Samadoni. Ein Beispiel: Ein 14-Jähriger mochte die Pflegefamilie nicht, die ihm zugewiesen worden war. Er verschwieg dort auch Schmerzen, die er hatte. Nach der Intervention der Beschwerdestelle wurde dem Jungen medizinisch geholfen und er kam in ein Heim. „Kinder und Jugendliche müssen immer wieder bestärkt und ermutigt werden, sich zu beschweren“, sagte die Ombudsfrau. Oft machten sie die Erfahrung, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen werden. 50 Kinder hätten sich bisher direkt an die Stelle gewandt.

El Samadoni schlug vor, die Schulpflicht im Land auch auf die Heimkinder auszuweiten, die aus anderen Ländern kommen. In 13 anderen Ländern sei das der Fall. Im Norden führe das Fehlen der Schulpflicht dazu, dass Kinder und Jugendliche statt in Regelschulen in sogenannten schulvorbereitenden Maßnahmen in den Heimen unterrichtet werden. In Einzelfällen sei das über Jahre der Fall. Ein autistischer Junge habe deshalb am Ende keinen Schulabschluss bekommen. Für untragbar hält die Ombudsfrau auch dies: Wenn ein Landesjugendamt gegenüber einem Träger die Tätigkeit eines ungeeigneten Erziehers ausspricht und dieser das Bundesland wechselt, erfährt das dortige Amt nichts davon. Hier müsse es bundesweit Datenaustausch geben, forderte El Samadoni.

dpa

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