Fast jeder Zweite betroffen

Alleinlebende häufig überschuldet

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Viele Menschen brauchen Hilfe, weil sie Schulden haben.

Kiel - Rund 26800 Menschen haben 2014 im Land wegen ihrer finanziellen Schieflage Hilfe in einer Schuldnerberatungsstelle gesucht. Dies sei aber nur ein kleiner Teil derjenigen, die Hilfe wegen ihrer Schulden bräuchten, sagte die Leiterin der Koordinierungsstelle Schuldnerberatung, Alis Rohlf, am Montag in Kiel bei der Vorstellung des ersten Schuldenreports für Schleswig-Holstein.

„Wir gehen davon aus, dass nur zehn bis 15 Prozent der Betroffenen eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchen.“ Die Dunkelziffer liege im sechsstelligen Bereich.

Für den Report wurden die Daten der 35 anerkannten Schuldnerberatungsstellen im Land ausgewertet. „Auf diese Weise erhalten wir erstmals ein repräsentatives Bild über die Lebenssituation von überschuldeten Menschen in Schleswig-Holstein“, sagte Rohlf. Demnach sind Ein-Personen-Haushalte deutlich häufiger überschuldet als andere: 46,1 Prozent der Ratsuchenden lebten alleine.

Überproportional häufig befinden sich alleinerziehende Mütter sowie Single-Männer in einer finanziell schwierigen Situation. Mehr als jeder vierte Ratsuchende ist ein alleinlebender Mann (27,6 Prozent). Der Wert ist deutlich höher als der Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes (18,2 Prozent).

Der Anteil der alleinerziehenden Mütter unter den Ratsuchenden (14,2 Prozent) ist fast dreimal so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung (5,7 Prozent). Single-Frauen ohne Kinder sind hingegen in der Beratung deutlich unterrepräsentiert.

In die Überschuldung rutschten die meisten Ratsuchenden etwa wegen Arbeitslosigkeit, unwirtschaftlicher Haushaltsführung, Krankheit oder einer Scheidung, sagte Martin Buhmann-Küllig von der Koordinierungsstelle. Auffällig ist dem Report zufolge, dass viele Ratsuchende nur ein sehr niedriges Nettoeinkommen haben: 46 Prozent hatten 2014 weniger als 900 Euro zur Verfügung. „Das liegt weit unter der Armutsgrenze und zeigt, dass Verschuldung ein soziales Problem ist“, sagte Rohlf. Die Betroffenen manövrierten sich in der Regel nicht durch übermäßigen Konsum in ihre Lage.

„Überschuldung ist mehr als nur ein materielles Problem“, sagte Rohlf. Oft litten die Betroffenen und ihre Familien unter physischen und psychischen Folgen der Überschuldung und gerieten in die soziale Isolation. Die Schuldnerberatung sei daher viel mehr als reine Schuldenregulierung. Die Mitarbeiter unterstützten die Menschen, ihre Lebensverhältnisse zu stabilisieren. Hinzu kommt die präventive Arbeit der Beratungsstellen, etwa in Schulen. Die eingesetzten Mittel – etwa die 4,3 Millionen Euro Landesförderung – sind nach Ansicht von Rohlf gut investiertes Geld. Die Arbeit der Beratungsstellen habe auch einen ökonomischen Nutzen: „Sie hilft, Transferleistungen zu vermeiden und Kaufkraft zurückzugewinnen“, sagte Rohlf. Das Diakonische Werk teilte mit Blick auf das niedrige Nettoeinkommen mit, trotz Mindestlohn müsse eine gesellschaftliche Debatte über angemessene Löhne geführt werden.

dpa

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