Forscher warnen deutsche Unis vor Noteninflation

Einsen für alle

Volker Müller-Benedict (l.), Professor für Forschungsmethoden und Statistik, und Gerd Grözinger, Professor für Sozial- und Bildungsökonomik. - Foto: dpa

Flensburg - Von Alexander Preker. Die Examensnoten an deutschen Hochschulen sind seit den 70er-Jahren immer besser geworden und sagen immer weniger aus. Flensburger Forscher haben diese „grade inflation“ systematisch untersucht und fordern ein Umdenken bei der Benotung: Für mehr Gerechtigkeit müsse Vergleichbarkeit her.

„Studierende kommen heute mit einer anderen Erwartungshaltung. Wenn sie eine 2,0 vergeben, sehen sie manchmal schon ein Tränchen“, sagt Gerd Grözinger, Bildungsökonom an der Europa-Universität Flensburg. „Es gibt Fächer wie Biologie oder Psychologie, in denen die Eins die häufigste Note ist“, ergänzt Volker Müller-Benedict, Hochschullehrer für Forschungsmethoden. „Das besagt erst mal, dass man zur besseren Hälfte gehört.“

Für ihre Studie „Noten an Deutschlands Hochschulen“ haben die Forscher für ausgewählte Fächer mit einem Team drei Jahre lang 138 000 Prüfungsakten und rund 700 000 Examensnoten aus sieben Universitätsarchiven in der Bundesrepublik von 1960 bis 1996 ausgewertet. Hinzu kamen Gruppendiskussionen sowie rund 5,3 Millionen Daten aus der offiziellen Notenstatistik seit 1996.

Die von den Forschern nachgewiesene Inflation verläuft in Zyklen. „Es gibt Phasen, in denen Noten stagnieren und in denen sie besser werden“, sagt Müller-Benedict. In Fächern mit nationalem Arbeitsmarkt wie Lehramt oder Psychologie spiegle sich die Konjunktur: „Wenn auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht, gibt es bessere Noten. Bei Überfüllung wird mehr selektiert.“ Die Bewertung in allgemeineren Fächern wie Biologie oder Germanistik hänge dagegen oft mit der Zahl der Studenten zusammen: „Wenn viele studieren, wird stärker gesiebt.“

Viele internationale Studenten drücken den Schnitt

Hinzu kämen verschiedene Fächerkulturen und Unterschiede an den Universitäten. Während bei Juristen eine „4“ fast überall dem Durchschnitt entspricht und ein Vollbefriedigend bereits für den Staatsdienst qualifiziert, existierten in anderen Fächern je nach Uni unterschiedliche Prüfungskulturen und Bewertungen. Zudem gäben etwa Ältere oder Frauen im Schnitt bessere Noten. Viele internationale Studenten würden den Schnitt dagegen oft drücken.

Noten, fordern die beiden Forscher, müssten vergleichbar sein, um Ungerechtigkeiten zu beenden. So sollte das Statistische Bundesamt regelmäßig die bundesweiten Durchschnittsnoten der Fächer veröffentlichen – als Orientierung für Arbeitgeber und wegen zunehmender Interdisziplinarität. Auf dem Zeugnis sollte ferner eine Einordnung der Note erfolgen, fordern die Forscher – etwa per kleinem Balkendiagramm, wie viele Einser, Zweier, Dreier, Vierer und Fünfer es in den vergangenen fünf Jahren in dem Fach an dieser Uni gegeben hat. Denn ihnen war etwa auch aufgefallen, dass Fachhochschulen bessere Noten vergeben. „Und zwar nicht, weil sie die besseren Studierenden haben“, sagt Grözinger.

Strikter Rahmen für Notengebung gefordert

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) kämpft seit Jahren gegen Noteninflation. Neben der absoluten Note fordert sie laut einem Sprecher seit 2013 einen sogenannten Prozentrang, um zumindest bei der Zulassung zu Master-Studiengängen „eine transparente und objektive Bewertung zu erleichtern“. Im Wissen, dass Noten oft wenig vergleichbar sind, fordern die beiden etwa bei der Vergabe von Masterplätzen stärker auf Losverfahren zurückzugreifen – denn Gerechtigkeit gebe es auf Basis der Bewertungen sowieso nicht.

Als einen Grund für Noteninflation vermuten die Forscher, dass Professoren häufig nach ihren Absolventen beurteilt werden. Statt Noten und Lehrleistung zu verknüpfen, müssten an den Unis striktere Rahmen für die Notengebung her. Auch HRK-Präsident Horst Hippler warnt davor, gute Noten mit guter Lehre zu assoziieren. Dozenten könnten „Druck verspüren, gute Noten zu vergeben. „Statt der immer stärkeren Fokussierung auf Noten“, fordert Hippler, gelte es, „die bisherige Notenskala durch drei Kategorien zu ersetzen: exzellent – bestanden – durchgefallen. Mehr brauchen wir eigentlich nicht.“

Dass sich Studierende bis dahin wegen einer potenziell besseren Abschlussnote gezielt für eine gut benotende Uni entscheiden, glauben die Flensburger Forscher dagegen nicht. 

 dpa

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