Nach Skandal-Video

Flensburg: Schlimme Missstände bei Milchhof „Vorzeigebetrieb“

Tierschützer werfen Milchhof in Flensburg Tierquälerei vor, nachdem ein Video aus dem Hof ins Internet gestellt wird. Der Betreiber bestreitet jegliche Kritik. Der Hof steht jetzt unter Begutachtung. Ist das Video eine Momentaufnahme oder stimmen die Vorwürfe?

  • Deutsches Tierschutzbüro: Videoaufnahmen aus Milchbetrieb in Flensburg.
  • Vorwürfe: Tierquälerei – Staatsanwaltschafts Flensburg ermittelt.
  • Milchhofbetreiber und Bauernverband weisen Kritik ab, Begutachter besucht Hof.

Flensburg – Das Deutsche Tierschutzbüro machte Ende Juni im Rahmen einer Undercover-Recherche („Das Leiden der Kühe: Geprügelt für Milch“ ) ein Video öffentlich, das Aufnahmen aus einem Milchbetrieb in Wees bei Flensburg zeigt. Das Video sorgte für große mediale Aufmerksamkeit, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) produzierte eine Sendung zum Thema. Auch 24hamburg.de* berichtete in dem Artikel „Horror-Milch im Norden: Flensburger Quälerei auf dem Frühstückstisch*“ über den Fall.

Stadt in Schleswig-HolsteinFlensburg
Fläche56,38 km²
Wetter19 °C, Wind aus W mit 19 km/h, 61 % Luftfeuchtigkeit
Bevölkerung\t85.942 (31. Dez. 2015)
Vorwahl0461
BürgermeisterinSimone Lange

Deutsches Tierschutzbüro: Video aus Milchbetrieb bei Flensburg (Schleswig-Holstein) – Kühe geschlagen

Das Video dokumentiert Szenen, in denen ein Mitarbeiter des Milchbetriebs Kühe mit einem Besenstiel schlägt und sie anschreit: „Meine Fresse, du behinderte Mistsau!“ Einige Kühe humpeln, eine Kuh weist besonders große Verletzungen auf. Der Vorwurf des Deutschen Tierschutzbüros an den Milchbetrieb: „Die uns vorliegenden Aufnahmen zeigen deutlich, wie Tiere gequält werden. Ein maximaler Kontrast, zu der uns immer wieder vorgegaukelten schönen Werbewelt der Milchindustrie“. Die Tierschützer reagierten mit einer Strafanzeige wegen offenbaren Verstößen gegen das Tierschutzbüro, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Das Deutsche Tierschutzbüro veröffentlichte Aufnahmen aus einem Milchbetrieb bei Flensburg und erhebt Tierquälerei-Vorwürfe.

Der Milchhofbetreiber selbst, Claus Mangelsen (60), wollte sich kurz nach der Veröffentlichung des Videos nicht dazu äußern. Doch jetzt bestätigte der Landwirt, dass die Aufnahmen aus seinem Hof stammen, das berichtet die Schleswig-Holsteinische Landeszeitung (SHZ). Auch der Sohn gab zu, dass er im Video erkennbar ist. Die Kritik an den Zuständen in seinem Betrieb und der Wirbel, der durch das Video entstanden ist, machen dem Milchbauern zu schaffen: „Wir sind kurz davor, hier alles zu beenden.“ Er will sich gegenüber den Tierquälerei-Vorwürfen wehren und lässt seinen Hof begutachten.

Prof. Edgar Schallenberger, Vertrauensmann Tierschutz in der Landwirtschaft Schleswig-Holstein, schaute sich den Betrieb in Wees genauer an. Gegenüber dem NDR äußerte er im Vorfeld harsche Kritik an den Zuständen, nachdem er sich das Video des Deutschen Tierschutzbüros angesehen hatte. „Wenn so etwas wiederholt praktiziert wird, dann ist das mit Sicherheit ein Vergehen gegen das Tierschutzgesetz.“ Hinsichtlich der gezeigten Verletzungen im Video meinte er: „Eigentlich darf nur die Milch gesunder Tiere gemolken und in den Verkehr gebracht werden. Das sind keine gesunden Tiere. Ich möchte die Milch von solchen Kühen nicht trinken.“

Milchbetrieb bei Flensburg (Schleswig-Holstein): Probleme in der deutschen Tierhaltung?

Wie schätzt Schallenberger die Zustände im Milchbetrieb nun nach der Begutachtung ein? Er erklärt, dass er keine vernachlässigten Kühe sehe, kritisiert aber den veralteten Stall. Außerdem hätten einige Tiere Klauenprobleme. Schallenberger spricht sogar von „einem der überdurchschnittlichen Höfe“. Tierärztin Mara Lund, die öfter auf dem Hof zu Besuch ist, ist ähnlicher Ansicht: „Unter meinen Betrieben im Raum Flensburg ist das der Vorzeigebetrieb.“ Etwas vorsichtiger bezieht Sönke Hausschild vom Deutschen Bauernverband Stellung: „Der Betrieb ist kein Vorzeigebetrieb. Er ist nur über dem Durchschnitt“, erklärt er gegenüber 24hamburg.de. Die meisten machten es „passabel bis gut“, angesichts der niedrigen Milchpreise sei das ein großes Lob an die Branche.

Jan Pfeifer, Vorsitzender beim Deutschen Tierschutzbüro, sieht es als problematisch an, dass das Video Aufnahmen von einem vermeintlichen „Vorzeigehof“ zeigen soll. „Es zeigt ein strukturelles Problem“, zitiert die SHZ den Aktivisten. Auch in anderen Betrieben käme es zu Vorfällen, bei denen Tiere geschlagen werden. Die Kreiszeitung* berichtete erst kürzlich über einen ähnlichen Vorfall in einem Milchbetrieb bei Syke (nahe Bremen*). Auch in diesem Fall sorgte ein Video für Aufschrei und Tierquälerei-Vorwürfe. Der Sohn des Milchbauern aus Schleswig-Holstein sieht es mittlerweile als Fehler an, dass er die Kühe geschlagen hat. „Das sind absolute Kuschelkühe“, meint er.

Generelle Probleme in der Tierhaltung sieht auch Prof. Edgar Schallenberger ein. „Wir müssen radikal umdenken, wir brauchen mehr Geld für die Milch“, meint er, es brauche dringend Veränderung: „Doppelter Preis. Doppelter Platz.“ Auch Sönke Hausschild vom Bauernverband spricht von systematischen Herausforderungen: „Wer in älteren Ställen wirtschaftet, der muss mit den Bedingungen zurechtkommen. Das ist eine echte Herausforderung.“

Die Tierschützer vom Deutschen Tierschutzbüro sehen die Verantwortung beim Endkonsumenten. „Wer Milch trinkt und andere Molkereiprodukte wie Käse oder Joghurt isst, muss sich bewusst machen, dass durch sein*ihr Kaufverhalten auch Tierquälerei unterstützt wird.“ Ein ähnliche Ansicht teilen auch die Hamburger Vegan-Youtuber Gordon Prox und Aljosha Muttardi * („Vegan ist ungesund“), die in ihren Videos ebenfalls auf Misstände und Probleme in der Tierhaltung aufmerksam machen wollen.

Das Tierschutzbüro rief nach der Veröffentlichung des Videos zum Boykott bestimmter Milchmarken wie Alete, Humana oder Milram auf, da diese zum Milcherzeuger Deutsches Milchkontor, welcher vom betroffenen Milchbetrieb beliefert wird, wie 24hamburg.de berichtet. * 24hamburg.de, nordbuzz.de und kreiszeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Rubriklistenbild: © obs/Deutsches Tierschutzbüro e.V./dpa/picture alliance

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