Die Flensburger Tafel meistert hohen Andrang mit guter Organisation

Zwischen Flüchtlingskrise und zäher Motivation

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Aslan Noury (r.), syrischer Praktikant, ist bei der Flensburger Tafel sehr beliebt und engagiert. „Er ist Gold wert“, sagen Mitarbeiter über ihn.

Flensburg - Es ist 12 Uhr, die Lebensmittelausgabe bei der Flensburger Tafel der Johanniter beginnt. Deutsche, Syrier, Armenier, Familien, Alte, Junge: Alle stehen geduldig dicht an dicht und warten darauf, für den symbolischen Preis von zwei Euro Essen und Trinken zu bekommen. Von Woche zu Woche wird es voller. Doch Tafelleiter Klaus Grebbin und sein 60-köpfiges Team ziehen die Köpfe nicht ein. Im Gegenteil: „Jetzt erst recht“, scheint das Motto.

Eine Lautsprecherdurchsage ertönt: „Liebe Kunden, heute sind zunächst folgende Nummern dran: 1274, 1279, 1298,...“. Klingt kompliziert, hat aber System. In Flensburg hat jeder Bedürftige eine Karte mit einer Kundennummer.

Zweieinhalb Stunden dauert die Essensausgabe. In dieser Zeit drängen sich knapp 300 Kunden durch Gemüse- und Obststände, Fleischtheken und Brotabteilungen. Wie bei vielen anderen Tafeln im Land hat sich die Zahl der Bedürftigen bei der Tafel in der Flensburger Waldstraße 2015 nahezu verdoppelt. 2700 Familien sind derzeit registriert. Darunter sind inzwischen viele Flüchtlinge.

„Wir kriechen hier alle auf dem Zahnfleisch“, gibt Grebbin zu. Er selbst arbeitet 50 bis 60 Stunden die Woche – und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter gehen an ihre Grenzen. Tafeln in Neumünster, Kappeln und Hamburg haben schon – teils beschränkte – Aufnahmestopps für Bedürftige verhängt. Bundesweit wird auch über Schließungen einzelner Einrichtungen diskutiert. Davon will Grebbin nichts wissen. „Nix da. Solange ich hier Tafelleiter bin, gibt es keinen Aufnahmestopp“, sagt der 60-Jährige.

Der Söruper hat seine Tafel gut im Griff – macht alles mit Herz, Kopf und Verstand. Organisieren kann er – schließlich war er früher bei einem Logistikunternehmen. Lebensmittel zum Beispiel sind genug da. Heute werden Waren im Wert von 50000 Euro ausgegeben. Etliche andere Häuser haben zu wenig Lebensmittel, bestätigt Frank Hildebrandt, Landesvertreter der 60 organisierten Tafeln in Schleswig-Holstein und Hamburg. Flensburg hat dagegen viele Spender, zum Beispiel Citti, Real, Aldi, Lidl und etliche andere.

Bei den Mitarbeitern geht Grebbin neue Wege: Er nimmt viele junge Leute auf, die straffällig geworden waren. „Arbeit statt Strafe“, so der Tafelleiter. „Das funktioniert super. Außerdem haben wir viele Ein-Euro-Jobber. Wenn wir die nicht hätten, würden wir es nicht schaffen.“

Und dann hat der engagierte Leiter noch ein ganz besonderes Ass im Ärmel: Aslan Noury, einen 19 Jahre alten Syrier, immer gut gelaunt, überall beliebt. Aslan macht bei der Tafel ein Integrationspraktikum, bedient die Bedürftigen, schuftet im Lager und hilft vor allem als Dolmetscher. „Er ist Gold wert“, sagen Mitarbeiter. Aslan hat eine lange Flucht hinter sich, mit dem Auto und mit dem Schiff über Griechenland. Er zeigt seine Narben am Handgelenk und murmelt nur leise: „Assad“. Nun freut sich der junge Mann, dass er in der Tafel arbeiten kann: „Die Deutschen haben mir geholfen, jetzt kann ich hier helfen. Und Klaus Grebbin ist wie mein Vater“.

Die Teams funktionieren nicht überall so gut. „Der klassische Tafelmitarbeiter ist im Rentenalter“, sagt Hildebrandt. Die jetzige Extremsituation könnten viele nicht meistern und gäben auf. Der ehrenamtliche Nachwuchs rückt nicht überall nach.

In Flensburg ist die Stimmung gut. Aggressivität? Fehlanzeige. Trotz der Warteschlangen pöbelt keiner. Ausländerbeschimpfungen hört man nie. „Klar ist zu spüren, dass hier immer mehr Flüchtlinge kommen, aber die müssen ja auch was zu essen haben“, sagt der Kunde Burkhard Seidel. Der Leiter sorge dafür, dass immer ein guter Ton herrsche und es keine Streitereien gebe, wie man es von anderen Tafeln höre. „Hier wird nicht geschrien, nicht geschubst, und es wird sich angestellt. Wer sich nicht daran hält: Feierabend, Tür auf, raus.“

dpa

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