Psychologin mit Messer bedroht / Festnahme beim Döneressen

Geiselnehmer vor Gericht

Überraschend ehrlich erklärte der Angeklagte die Hintergründe seiner Tat vor Gericht. Foto: dpa

Lübeck – Mit einem Geständnis hat der Prozess gegen einen Geiselnehmer im Lübecker Gefängnis begonnen. „Ich habe mich in der Justizvollzugsanstalt Lübeck ungerecht behandelt gefühlt und wollte in meine Heimat Rumänien abgeschoben werden. Deshalb habe ich die Psychologin als Geisel genommen“, sagte der 37 Jahre alte Angeklagte gestern vor dem Landgericht Lübeck. „Ich war der Meinung, ich hätte für meine Taten lange genug gebüßt, deshalb wollte ich da raus.“

Dem Mann wird vorgeworfen, im Juni 2019 auf der sozialtherapeutischen Station des Gefängnisses eine Psychologin in seine Gewalt gebracht und mit einem Küchenmesser bedroht zu haben. Damit wollte er laut Anklage seine Auslieferung in sein Heimatland Rumänien erzwingen. Nach mehr als fünf Stunden beendete die Polizei die Geiselnahme ohne Blutvergießen. Sie überwältigte den Mann, als er zwei von ihm verlangte Döner in Empfang nahm.

In Fußfesseln wurde der Angeklagte – ein Mann mit kräftiger Statur und Halbglatze – gestern von zwei Justizwachtmeistern in den Verhandlungssaal geführt. Eigentlich habe er den Leiter seiner Wohngruppe als Geisel nehmen wollen, sagte er. Da der am Tattag aber nirgendwo zu sehen gewesen sei, habe er sich spontan für die junge Anstaltspsychologin entschieden. „Sie saß in ihrem Büro, und die Tür stand offen, deshalb bin ich da rein.“

Mehr als fünf Stunden hatte der Mann die heute 33 Jahre alte Geisel im vergangenen Sommer in seiner Gewalt. „Seine ersten Worte waren: Dies ist eine Geiselnahme“, sagte die junge Frau als Zeugin vor Gericht. Der Mann habe sie mit einem Küchenmesser bedroht und die Tür ihres Büros mit Möbeln verbarrikadiert. „Ich hatte Todesangst.“

Dennoch war die Psychologin geistesgegenwärtig genug, dem Geiselnehmer vorzumachen, sie sei schwanger. „Ein Kollege hatte mal von einem Gespräch mit dem Angeklagten berichtet. Darin hatte der von einer ehemaligen Freundin gesprochen, die ein gemeinsames Kind abgetrieben habe, was ihn sehr betroffen gemacht hätte.“ Daran habe sie sich in der Situation erinnert.

Der Angeklagte war im September 2015 vom Landgericht Flensburg unter anderem wegen eines schweren Sexualdeliktes zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Seit April 2018 war er in Lübeck auf der sozialtherapeutischen Station in einer Wohngruppe untergebracht.

„In Schleswig, wo er vorher wegen seiner Suchterkrankung untergebracht war, galt er als Psychopath, bei uns hat er sich dagegen lange Zeit unauffällig und fast zu angepasst verhalten“, sagte ein 53 Jahre alter Anstaltspsychologe. In den letzten Monaten vor der Tat sei er aber zunehmend laut und rechthaberisch geworden.

Während der Geiselnahme hatte der Angeklagte verlangt, die Gefängnisleiterin, den Lübecker Bürgermeister und den Ministerpräsidenten zu sprechen. „Ich war frustriert, weil mein Antrag auf Abschiebung abgelehnt worden war“, sagte er vor Gericht. „Es kam mir so vor, als ob deutsche Häftlinge besser behandelt wurden als ich.“ Am Sonntag vor der Tat sei ihm erstmals der Gedanke an eine Geiselnahme gekommen.

Der Prozess wird am 18. März fortgesetzt.  dpa

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