Am Morgen nach der Sturmflut hatten die Menschen an der Ostsee viel zu sehen. In Scharbeutz bot dieser angeschwemmte Baumstamm ein idyllisches Bild. - Foto: dpa
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Am Morgen nach der Sturmflut hatten die Menschen an der Ostsee viel zu sehen. In Scharbeutz bot dieser angeschwemmte Baumstamm ein idyllisches Bild.

Anwohner und Betroffene winken ab: „Alles halb so schlimm“

Die Ostseeküste erlebt die schwersten Überschwemmungen seit 2006

Lübeck - Von Wolfgang Schmidt. Das Wasser steigt schneller und höher als erwartet. Die Trave rauscht mit ungewöhnlich viel Wasser am altehrwürdigen Lübecker Holstentor vorbei. Der Fluss überspült die Uferstraßen. In einige Häuser dringt Wasser ein, obwohl die Türen abgeschottet sind. Parkbänke saufen ab.

Am gestrigen Morgen tauchen sie langsam wieder auf. Diamant Thaçi hat alles aus einer Wohnung an der Obertrave mit Fotos dokumentiert. Freunde sehen die Fernsehbilder und rufen den Uni-Professor besorgt an. Er hat gute Nachrichten: Beunruhigend war das schon, aber wirklich Schlimmes hat das schwerste Ostseehochwasser seit 2006 zumindest in den Städten nicht angerichtet. Es entstanden Schäden in Millionenhöhe, die Schutzanlagen hielten aber den Naturgewalten am Mittwochabend stand, Menschen kamen nicht zu Schaden. Touristische Wahrzeichen, wie Rügens berühmte Kreidefelsen oder das Holstentor in Lübeck, blieben unversehrt.

1,20 bis 1,50 Meter über dem mittleren Wasserstand hatten Experten für die Ostseeküste vorhergesagt. 1,79 Meter wurden es in Lübeck, 1,83 Meter weiter östlich in Wismar. Die Höhe hat leichtsinnige Autobesitzer überrascht, die ihre Wagen trotz aller Warnungen in Lübeck und Flensburg nicht rechtzeitig weggefahren hatten. Mehrere Autos müssen abgeschleppt werden. Eigentlich weiß man an der Trave, dass es gefährlich werden kann, wenn das Wasser bei Nordostwind aus Richtung Travemünde in die Stadt gedrückt wird. Die Ostsee ist dieses Mal übervoll, weil sie viel Wasser aus der Nordsee aufgenommen hatte.

Großes Lob für die Einsatzkräfte

„Am Abend hatten wir schon ein bisschen Angst, als das Wasser kam“, schildert Thaçi. „Das war kein gutes Gefühl, denn die Wassermassen waren gewaltig.“ Sein Garten sei jetzt ein Schwimmbad, sagte der Arzt seinen Freunden am Telefon, aber richtig lustig fand er seinen Witz auch nicht. Ein dickes Lob hat Thaçi für die Feuerwehr: „Sie war sofort da und hat geholfen.“

Ein paar Hundert Meter weiter in der Wallstraße pumpen nach dem nächtlichen Großeinsatz an diesem sonnigen, frostigen Morgen noch ein paar Feuerwehrleute Wasser ab. Die Wiese auf der anderen Straßenseite ist ein kleiner See. Anwohner Holger Meerbach kann noch nicht in Keller und Garage – alles ist dichtgemacht. „Wir kamen am Abend nach Hause und plötzlich war alles überflutet“, sagt er. „Aber wir kennen das ja.“ So heftig war es seit langem nicht – aber Behörden und Bewohner zeigen überall norddeutsche Gelassenheit.

Auch am gegenüberliegenden Ufer hat ein Hausmeister die Ruhe weg. „Nein, als bedrohlich habe ich das nicht empfunden“, sagt er. Genau hier, am Kleinen Bauhof, war der Pegelstand am höchsten. Das Wasser drang auch in den Keller des Hausmeisters ein, alles Wichtige hatte er rechtzeitig hochgestellt. Am Ufer liegen Kanus, die das Wasser zusammengeschoben hatte.

Am Haus von Traute Malchow stand das Wasser einen halben Meter hoch. „Gestern hatte ich Angst“, sagt die 77-Jährige, die seit über einem halben Jahrhundert hier lebt. Eine im Flur installierte Pumpe pumpt noch gestiegenes Grundwasser ab. Die Häuser in der ersten Reihe an der Obertrave sind alle abgeschottet, vor manchen werden am Morgen die letzten Sandsäcke weggeräumt.

Einige Parkplätze sind noch völlig überflutet; Wäschestangen stehen tief im Wasser. In ein paar Lokale war Wasser eingedrungen, obwohl Türen verschottet waren und Sandsäcke davor lagen. Entspannt räumen Mitarbeiter auf. „Alles halb so schlimm“, winken sie ab. „Viele Leute hatten ihre Häuser nicht genügend gesichert, wir mussten mit Sandsäcken die Objekte schützen“, berichtet Feuerwehrsprecher Matthias Schäfer.

Strände, Dünen und Steilküsten stärker betroffen als Städte

Auch in Eckernförde, Laboe und Heikendorf bei Kiel muss die Feuerwehr kräftig ran, an der ganzen Ostseeküste zwischen Usedom und Flensburg sind durch die Nacht hindurch viele Hundert Helfer im Einsatz. In Neustadt/Holstein wurden einige Straßen gesperrt, Keller liefen voll. Gestern Vormittag folgten überall das große Aufräumen und Aufatmen, weil das Ganze alles in allem glimpflich ausging. Schäden gab es an Stränden und Steilküsten.

„Zum zweiten Mal in 35 Jahren war es so extrem“, erzählt in Lübeck Klaus Siebert, der an der Obertrave einen Friseursalon hat. Kniehoch war das Wasser ans Haus geschwappt, am feuchten Backstein sieht man es. Schäden gibt es nicht. „Das Haus ist so gebaut, dass es überflutungssicher sein soll. Aber das Schlimme ist, man weiß nie, wann Schluss ist.“

Ganz in der Nähe zeigt ein Schild die Hochwasserlinie vom 13. November 1872. Sie erinnert in Augenhöhe an die Katastrophe, von der auch Lübeck diesmal weit weg ist. Käme das Wasser doch einmal wieder so hoch, stünde es an Sieberts Salon in halber Fensterhöhe. „Dann bleibt nur noch hinten rausschwimmen“, sagt der Friseur lachend.  

Schäden und Reaktionen an der Ostseeküste

Flensburg: Die Polizei musste ein Mehrzweckschiff und mehrere Autos vor der Flut in Sicherheit bringen. Bei Pegelständen von bis zu 1,47 Meter trat das Wasser am Abend über die Ufer. Einige Autos mussten aus dem Wasser gezogen werden.

Kiel: In Kiel-Holtenau stieg das Wasser 1,42 Meter höher als normal. Der Verkehr wurde durch die Sperrung mehrerer Straßen stark behindert.

Lübeck: Bei Pegelständen von bis zu 1,79 Metern wurden die Keller zahlreicher Häuser überschwemmt. Zehn Autos mussten in der Altstadt vorsorglich abgeschleppt werden. Fußgängerbrücken in die Altstadt konnten nicht mehr benutzt werden Die Schäden seien jedoch kaum höher als bei einem durchschnittlichen Hochwasser. Das Unesco-Welterbe sei nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Neustadt/Holstein: Die Wassermassen drangen in einige Keller ein.

Rostock: Eine Straße musste über mehrere Kilometer hinweg gesperrt werden. Zahlreiche Keller liefen mit Wasser voll.

Rügen: Einzelne Deiche wurden auf der bevölkerungsreichsten deutschen Insel überspült. Dünen brachen in einer Tiefe von drei bis acht Metern ab. Die Behörden mussten Schiffsanleger sperren. Ein Ortsteil wurde durch die Fluten von der Hauptgemeinde Gager abgeschnitten. Im Seebad Binz rechnet man mit einem Schaden von mindestens einer Million Euro. Stralsund: Die teilweise Überflutung der Hafeninsel machte eine Absicherung des Ozeaneums, Mecklenburg-Vorpommerns besucherstärkstem Museum, mit Spundwänden erforderlich.

Usedom: Auf der mecklenburg-vorpommerschen Insel wurde die Alarmstufe 3 ausgerufen. An mehreren Orten kam es zu Steilufer-Abbrüchen. Treppenaufgänge, Imbissbuden und Teile von Strandpromenaden seien weggerissen worden. Gestern wurde die Küste von Usedom bis Schleswig-Holstein abgeflogen. Ein Laserscan soll Dünenrückgänge, Steilufer-Abbrüche und Strandabspülungen sichtbar machen.

Wismar: Mit 1,83 Meter – Höchstwert an der gesamten Küsten – erreichte der Pegelstand in Wismar einen Wert, der als „schwere Sturmflut“ gilt. Im Hafenbereich der Altstadt kam es zu einigen Überschwemmungen.

dpa

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