Schuften für 163 Euro Rente

Gewerkschaften fordern Sozialversicherungspflicht für Minijobs

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Minijobs gibt es in allen Bereichen und Altersstufen.

Kiel - Gewerkschaften im Norden haben eine Sozialversicherungspflicht für Minijobs gefordert. „Ab dem ersten Euro muss in die Sozialversicherung eingezahlt werden“, sagte der Vorsitzende des DGB Nord, Uwe Polkaehn, am Donnerstag in Kiel. Nach 45 Jahren in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis entstehe aufgrund Versicherungsfreiheit nur ein Rentenanspruch von gut 163 Euro. Bei einer Sozialversicherungspflicht stiege die Summe laut Gewerkschaft auf etwa 225 Euro.

„Schleswig-Holstein ist nach wie vor der Lohnkeller im Westen“, sagte Polkaehn. Die Löhne lägen etwa um 8,5 Prozent unter dem Schnitt der Westländer. „Wir verdienen hier am wenigsten.“ Von rund 1,2 Millionen Beschäftigten in Schleswig-Holstein arbeitet laut DGB ein Fünftel als Minijobber – knapp 270.000. Mehr als 90.000 von diesen verdienen sich etwas dazu. Knapp 180.000 haben nur Minijobs. 60 Prozent davon sind Frauen. Der Anteil der Männer steigt aber. Zwei Drittel sind im klassischen Erwerbsalter von 25 bis 64 Jahren.

Den größten Anteil an Minijobs gebe es mit 53 Prozent in der Gastronomie. Im Einzelhandel sind gut 37.000 der knapp 130.000 Beschäftigten in einem Minijob. „Oftmals verharren insbesondere Frauen in der Niedriglohnfalle, ohne Aussicht auf eine reguläre Beschäftigung“, sagte Dirk Himmelmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Gewerkschafter gegen Anhebung der Verdienstgrenze bei Minijobs

Minijobs seien für viele Beschäftigte zur Existenzsicherung nötig, weil das Haupteinkommen nicht ausreiche, sagte Verdi-Sprecher Frank Schischefsky. „Die Arbeitgeber machen sich das in vielen Branchen, beispielsweise im Einzelhandel, zu Nutze, um schlicht Stunden beim Stammpersonal abzubauen“, sagte er. An den Kassen säßen zunehmend auch Minderjährige, denen nicht einmal der gesetzliche Mindestlohn gezahlt werde.

Die Gewerkschafter warnten auch vor einer Anhebung der Verdienstgrenze bei Minijobs. Steige diese von 450 auf 550 Euro, wären rund 25.000 Schleswig-Holsteiner betroffen, die derzeit sozialversichert sind, sagte Polkaehn. Eine Anhebung der Grenze fördere die Flucht der Arbeitgeber aus ihren Sozialversicherungspflichten. „Aufgrund der vielen Minijobs im Norden wäre hier der Schaden am größten.“

Baasch: Entwicklung der Minijobs zeigt tiefen Spalt am Arbeitsmarkt

Der SPD-Arbeitsmarktpolitiker Wolfgang Baasch griff in diesem Zusammenhang Arbeitsminister Bernd Buchholz (FDP) an. „Der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister sollte seinen Kampf gegen den Mindestlohn einstellen und sich endlich im notwendigen Kampf gegen prekäre Beschäftigung und für gute Arbeit engagieren“, sagte Baasch.

Die Entwicklung der Minijobs zeigt nach Ansicht des SPD-Abgeordneten einen tiefen Spalt am Arbeitsmarkt: „Auf der einen Seite sinkt die Arbeitslosigkeit bei guter Wirtschaftslage, auf der anderen Seite gehört Schleswig-Holstein zu den Ländern mit der höchsten Anzahl geringfügig Beschäftigter.“ Minijobber würden in Unternehmen oft als Arbeitnehmer zweiter Klasse angesehen. - dpa

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