Gratis ist auch keine Lösung

Verkehrsministerium: Kostenfreier ÖPNV hilft der Umwelt wenig

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Bus und Bahn statt Auto: Der Weg dahin ist lang, zeigt die Erfahrung in Schleswig-Holstein. 

Kiel - Von Katia Backhaus. In einem Monat will die EU-Kommission in Brüssel entscheiden, ob sie Deutschland wegen zu hoher Stickoxid-Belastung verklagt. Als Gegenmaßnahme hat die Bundesregierung nun vorgeschlagen, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) kostenlos zu machen. Auch Kiel steht dabei im Fokus: Denn die Landeshauptstadt gehört zu den 20 deutschen Städten, die den Stickoxid-Grenzwert deutlich überschreiten. Das Verkehrsministerium und der Kieler Oberbürgermeister glauben jedoch nicht, dass der Vorschlag aus Berlin weiterhilft.

„Ein kostenfreier ÖPNV ist kurzfristig keine Lösung. Unsere Busse sind schon jetzt voll“, kommentiert der Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer den Vorstoß. Das Hauptproblem beim kostenlosen Bus- und Bahnfahren sind auf den ersten Blick die Kosten: Fallen die Ticketgebühren weg, fehlen schnell Millionenbeträge. In Kiel etwa betragen die Gesamtkosten für den ÖPNV laut Auskunft der Stadt rund 38,8 Millionen Euro – gut 32,8 Millionen davon zahlen die Fahrgäste.

Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, dass ein Gratis-ticket eh kaum weiterhilft, wenn das Angebot insgesamt nicht attraktiv ist. Kämpfer sagt, der Nahverkehr müsse „natürlich bezahlbar“ sein, aber auch ausgebaut werden. Die Infrastruktur müsse aufgerüstet und zusätzliches Personal eingestellt werden. „Auch eine vernünftige Bundes- und Landesförderung von umweltfreundlichen Fahrzeugen ist nötig“, sagt der Oberbürgermeister. Denn bisher gingen die Städte oder Verkehrsunternehmen in Vorleistung.

Marktanteil von Bahn und Bus um 50 Prozent bis 2030 erhöhen

Grundsätzlich begrüße das Verkehrsministerium den Vorstoß des Bundes für einen kostenlosen ÖPNV, sagt Sprecherin Birte Pusback. Abgesehen von den zusätzlichen Kosten sei aber anzumerken: „Ein kostenloses Angebot geht in der Regel nicht mit einer Ausweitung der Verkehre einher, verlagert also gar nicht die Verkehre vom Auto Richtung Bus und Bahn“, sagt Pusback. „Erst wenn das Angebot ausgeweitet wird – zum Beispiel statt eines Stundentaktes ein Halbstundentakt gefahren wird oder in Städten auch in den Abendstunden ein ausreichendes Busangebot vorgehalten wird – steigen die Fahrgastzahlen.“

Wie ein attraktives ÖPNV-Konzept aussehen könnte, steht im landesweiten Nahverkehrsplan (LPNV) für die Jahre 2013 bis 2017. Darin formulieren Land und Verkehrsverbund Nah.SH das Ziel, den Marktanteil von Bahn und Bus um 50 Prozent bis 2030 zu erhöhen. Das heißt: Im Vergleich zu 2010 sollen die Bürger im Jahr 2030 etwa jeden sechsten Weg (11,7 Prozent) mit Bahn oder Bus zurücklegen. 2010 nutzten Schleswig-Holsteiner nur für knapp acht Prozent ihrer Wege den ÖPNV.

Schnelle Umstiege und Pünktlichkeit

Um dieses Ziel zu erreichen, seien „sehr umfassende Maßnahmen“ nötig, heißt es im LPNV. Dazu zählen kurze Umsteigewege und -zeiten, ein erhöhter Takt, mehr Direktverbindungen sowie Pünktlichkeit. Auch ein ausreichendes Sitzplatzangebot, ein gutes Informations-, und ein verständliches Tarifsystem seien wichtig. Auf dem Land soll mit Taxis, Mietwagen, Bürgerbussen oder Leihfahrradsystemen für eine bessere Anbindung gesorgt werden. Auch Schnellbuslinien als Alternative zur Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken sind eine Idee.

All diese Maßnahmen sollen einen deutlichen Anstieg bei den Fahrgastzahlen bewirken – und damit auch eine Reduk-tion von Stickoxiden. „Durch Bus- und Bahnverkehr werden in Schleswig-Holstein jährlich Emissionen von etwa 254 000 Tonnen Kohlendioxid (CO2) vermieden, davon allein über 105 000 Tonnen durch den Bahnverkehr“, heißt es im LPNV. Außerdem gilt: Je höher das Fahrgastaufkommen, desto stärker die Einsparung. Auf der Strecke Hamburg – Flensburg/Kiel etwa konnte der CO2-Ausstoß um rund 27 000 Tonnen verringert werden. Neben der Auslastung sei auch der Ausbau des elektrischen Zugbetriebs, am besten mit Ökostromnutzung, ein wichtiger Beitrag zur Energieeffizienz des ÖPNV.

Die Ergebnisse der Nahverkehrsentwicklung in der Periode 2013 bis 2017 liegen laut Verkehrsministerium noch nicht vor. Für die Landeshauptstadt soll in der zweiten Jahreshälfte ein neuer Verkehrsentwicklungsplan vorgestellt werden. Als Sofortmaßnahme zur Reduzierung der Stickoxidwerte plant die Stadt laut Kämpfer, in diesem Jahr 19 weitere Dieselhybridbusse anzuschaffen. Zehn gibt es bereits: Sie sind seit Anfang 2018 im Dienst.

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