Corona trifft Tourismusbranche vor Ostern hart

„Größter Einschnitt seit dem Krieg“

Ein Blick in die menschenleere Friedrichstraße in Westerland. Die Coronakrise trifft Hotels und Restaurants an Nord- und Ostsee hart. Foto: dpa

Kiel - Von Andre Klohn, Eva-maria Mester Und Wolfgang Runge. Leere Strände an Nord- und Ostsee, geschlossene Restaurants und Urlaubsunterkünfte an beiden Meeren. Die Coronakrise trifft den Tourismus in Schleswig-Holstein vor der wichtigen Osterzeit brutal. Mindestens bis zum 19. April dürfen Touristen nicht in das nördlichste Bundesland kommen. Viele Betriebe bangen deshalb um ihre Existenz. Mit ihrem Tourismus-Stopp will die Kieler Landesregierung die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus verlangsamen.

„Seit drei Wochen haben wir keine Einnahmen mehr“, sagt Jochen Rother aus St. Peter-Ording. Er betreibt an der Nordsee das Restaurant „Olsdorfer Krug“. „Mit den Veranstaltungen, die bei uns abgesagt wurden, ist das jetzt ein Umsatzminus gegenüber letztem Jahr von 60 000 Euro. Aber da müssen wir durch.“

Die „Heimathafen Hotels“ mit Häusern in St. Peter-Ording, Heiligenhafen, Büsum und dem niedersächsischen Wilhelmshaven haben 350 von 370 Mitarbeitern in Kurzarbeit geschickt. „Um die Hotels über Wasser zu halten, haben wir Kredite in Höhe von fünf Millionen Euro bei der Investitionsbank Schleswig-Holstein und der KfW beantragt“, sagt Unternehmenssprecherin Anja Schäfer. Probleme bereiten dabei die beiden erst im vergangenen Jahr eröffneten Hotels in Büsum und Wilhelmshaven, „da hier ohne Jahresabschlüsse oder Gewinne die Anträge nicht den Kreditkriterien entsprechen“.

Auch auf der Ostseeinsel Fehmarn ist die Stimmung gedrückt. „Das touristische Leben auf Fehmarn ist komplett auf Null heruntergefahren“, sagt Fehmarns Tourismusdirektor Oliver Behncke. Die Umsatzeinbußen für die gesamte Tourismuswirtschaft der Insel seit dem 16. März beziffert er auf 25 bis 30 Millionen Euro. „Wenn es gewollt wäre, könnten wir die Maschinerie sofort wieder hochfahren, aber es wird wohl nur schrittweise geschehen“, sagt Behncke.

Daran, dass die Gäste wiederkommen, wenn die Beschränkungen gelockert werden, hat er keinen Zweifel. „Die Mails, die wir bekommen, zeigen, dass die Menschen Sehnsucht nach Reisen haben“, sagt Behncke.

Der Tourismusdirektor des Ostseebades Timmendorfer Strand, Joachim Nitz, rechnet vor, dass das Ostergeschäft im Ort rund zehn Prozent des touristischen Jahresumsatzes von etwa 320 Millionen Euro ausmacht. Deshalb sei es so wichtig, dass die Betriebe wieder Gäste beherbergen dürften. „Wir leben hier zu 100 Prozent vom Tourismus, deshalb ist die Coronakrise für den Ort eine Katastrophe“, sagt Nitz.

„Für Schleswig-Holstein werden normalerweise in den Ostermonaten März/April zusammen mehr als 4,5 Millionen Übernachtungen realisiert, das entspricht einem Anteil von insgesamt fast 13 Prozent des jährlichen Übernachtungsvolumens“, sagt die Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, Bettina Bunge. Nach dem überschaubaren Wintergeschäft treffe die Coronakrise die Tourismusbranche besonders hart.

Mit Darlehen will die Regierung aus CDU, Grünen und FDP den Betrieben helfen. „Denn der Schlag für die Branche ist aktuell heftig“, sagt Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP). Mit dem Ostergeschäft breche den Betreibern von Hotels, Pensionen und Ausflugslokalen „das erste ertragsstarke Geschäft des Jahres“ weg. „Das ist sicherlich der größte Einschnitt seit dem Krieg, den der Tourismus in Schleswig-Holstein erlebt hat.“

Dabei schien es für die Branche noch bis vor wenigen Wochen weiter steil nach oben zu gehen. Die Tourismusagentur vermeldete Rekord um Rekord. Laut Statistikamt Nord buchten Gäste 2019 fast 36 Millionen Übernachtungen, 4,4 Prozent mehr als 2018. Erstmals rückte Schleswig-Holstein im Ranking der Bundesländer auf Platz fünf vor – noch vor Mecklenburg-Vorpommern.

Der Tourismus macht nach Angaben der Landesregierung sechs Prozent der Wirtschaftsleistung Schleswig-Holsteins aus. In guten Jahren machen Hotels, Restaurants, Pensionen und Co zehn Milliarden Euro Umsatz. 2017 waren es bereits 9,5 Milliarden. Damals hatte die Branche 29,9 Millionen Übernachtungen gezählt. In den beiden Folgejahren stiegen die Buchungszahlen weiter an.

300 Millionen Euro hat die Jamaika-Koalition vor allem für den Tourismus bereitgestellt. Buchholz rechnet dennoch nicht damit, dass alle 170 000 Jobs erhalten bleiben: „Dabei werden, da bin ich sicher, einige wahrscheinlich auf der Strecke bleiben.“ Treffen werde es zuerst Betriebe, die schon vor der Krise Schwierigkeiten hatten.

Restaurant-Betreiber Rother begrüßt die schnelle Hilfe aus Kiel für kleinere Betriebe. „Natürlich kann man ungeduldig werden, wenn einem die Kosten weglaufen. Aber ich hatte innerhalb einer kurzen Zeit das Kurzarbeitergeld für meine drei Leute – unbürokratisch und ohne großen Papierkram.“

Die Büsumer Gastronomin Tanja Wattron hat andere Erfahrungen gemacht. „Die Hilfe ist noch nicht da – auch unsere Kollegen haben bislang noch keine Hilfe bekommen. Aber wir müssen immer unseren Verpflichtungen nachkommen“, sagt die Betreiberin des „Restaurant zur Erholung“. „Es ist eine Katastrophe, die kann man nicht lange überleben.“

„Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass wir am 1. Mai wieder aufmachen dürfen. Wir beten schon, dass wir ab 1. Juni wieder arbeiten dürfen“, sagt Wattron. Und dann hoffentlich ohne Mundschutz-Pflicht. „Die Gäste in einem Restaurant können mit Mundschutz weder essen noch trinken. Und wenn sie mich nur angucken, weil sie mich vermisst haben, verdiene ich nichts.“

Minister Buchholz will möglichst bald den Restart-Button drücken, dabei aber auf Augenmaß setzen. Denn: „Wir wollen nicht alles kaputtmachen, was wir in den vergangenen drei Wochen erreicht haben, indem wir die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus reduziert haben.“  dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.