Großbaustelle beim Gastgeber

Plakate mit der Aufschrift „Freut ihr euch schon?“ sind im ganzen Land verteilt. Zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober werden die Besucher eine Gastgeberstadt im Umbruch erleben. Fotos: dpa

Neue Häuser, Baugruben und ein kleiner Kanal: Zum Tag der Deutschen Einheit werden die Besucher die Gastgeberstadt Kiel im Umbruch erleben. Ob die Veränderungen die Stadt attraktiver machen, muss sich zeigen. Einer ist da ziemlich optimistisch.

VON WOLFGANG SCHMIDT

Kiel – So viel Dynamik war seit Jahrzehnten nicht in der Landeshauptstadt. Wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerin Angela Merkel und all die anderen Bundesprominenten am Donnerstag zum Tag der Deutschen Einheit nach Kiel kommen, werden sie nicht nur von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) begrüßt, sondern auch von Baustellen en masse. Wohn- und Geschäftshäuser entstehen, Klinikgebäude, Hotels, eines direkt an der Sparkassen-Arena, wo die Handballer vom Rekordmeister THW Kiel spielen und jetzt der Einheits-Festakt stattfindet.

„Wir zeigen unseren Gästen eine dynamische Stadt im Auf- und im Umbruch“, sagt Kämpfer. Kiel präsentiere sich als digitale und soziale Klimaschutzstadt, die im Zentrum ihr Antlitz binnen weniger Jahre beträchtlich verändert hat. Ob zum Positiven hin, ist umstritten.

Das gilt besonders für das Projekt Kleiner-Kiel-Kanal. Auf 170 Metern Länge und mindestens 9,5 Metern Breite entsteht nahe dem Rathaus ein Wasserbecken aus Beton. Es soll, flankiert von Gastronomie, zum Verweilen einladen und Platz für Aktivitäten bieten. Eine attraktivere City sagen Optimisten voraus, eine Investitionsruine befürchten Kritiker. Die Einheitsfeier-Gäste können sich noch kein richtiges Bild machen, denn die Anlage soll erst zum Jahresende hin fertig werden. Allein in die Bebauung am Kleinen-Kiel-Kanal fließen mehr als 100 Millionen Euro.

Noch einige hundert Millionen Euro mehr werden in diesen Jahren in die City investiert – das braucht sie auch. Ein historisches Zentrum wie das stolze Lübeck kann Kiel ohnehin nicht aufbieten. Die Stadt war Ende des 19. Jahrhunderts im Eiltempo zur Großstadt gewachsen, mit 100 000 Einwohnern um 1900. Werften, Rüstungsindustrie und der Marinehafen sorgten für Beschäftigung – und im Zweiten Weltkrieg für verheerende Bombardements von Briten und Amerikanern.

Auch der Wiederaufbau machte aus Kiel keine städtebauliche Perle. In jüngster Vergangenheit bewirkten das veränderte Einkaufsverhalten im Internet-Zeitalter, hohe Pachtforderungen und Baustellen unschöne Leerstände von Ladenlokalen im City-Kern. „Die Innenstadt wird den Ansprüchen an eine vitale Mitte der Landeshauptstadt derzeit nicht gerecht“, schreibt die Stadtverwaltung. „Teile der Innenstadt sind im Hinblick auf ein zukunfts- und wettbewerbsfähiges Stadtzentrum stark aufwertungsbedürftig.“ Daran arbeitet die Stadt. In den kommenden Monaten werde es rund 20 Neueröffnungen geben und damit einen qualitativen Umbruch, so Kämpfer. „Binnen drei, vier Jahren bekommen wir eine Innenstadt, die attraktiv wie nie sein wird.“

Das Uniklinikum und die Universität (27 000 Studenten) erleben mit gerade fertiggestellten und laufenden Vorhaben einen Modernisierungsschub. Und ein angemessen großes Schwimmbad hat Kiel seit einem Jahr auch.

Zu den Sorgenkindern gehört der Komplex Verkehr und Umwelt: Auf dem vielbefahrenen Theodor-Heuss-Ring drohen wegen hoher Schadstoffwerte Dieselfahrverbote. Die Landstromversorgung von Kreuzfahrtschiffen ist in der Klimanotstand-Stadt langsam angelaufen, und die Inbetriebnahme eines modernen Gasheizkraftwerks hat sich aus technischen Gründen um ein Jahr verzögert. Zum Jahresende soll es nun starten. 290 Millionen Euro haben die Stadtwerke investiert. Ein Konzept für einen modernen öffentlichen Nahverkehr wohl mit einer Stadtbahn muss noch erarbeitet werden.

An der Wiederwahl Kämpfers zum Oberbürgermeister am 27. Oktober werden die genannten Probleme, zu denen noch der enge Wohnungsmarkt gehört, wohl nichts ändern. Der SPD-Mann ist populär; auch Grüne, FDP und SSW (Südschleswigscher Wählerverband) unterstützen ihn. Noch vor eineinhalb Jahrzehnten galt Kiel, wo heute fast 250 000 Menschen leben, als schrumpfende Stadt. Um 2003 gingen Prognosen für 2030 von 170 000 Einwohnern aus. Nachdem lange nur wenige Wohnungen gebaut wurden, passiert nun mehr.  dpa

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