Prozessbeginn: Angebliches Entführungsopfer legt Geständnis ab

„Habe mir alles ausgedacht“

Der 39-Jährige angebliche Schulleiter muss sich wegen verschiedenster Vorwürfe verantworten. Foto: DPA

Lübeck - Falsche Selbstwahrnehmung, Geltungssucht oder blühende Fantasie: Ein 39 Jahre alter Mann hat Jahre lang in einer Scheinwelt gelebt und dabei Straftaten begangen. Die Anklage wirft ihm unter anderem schwere räuberische Erpressung, Urkundenfälschung, Betrug und Vortäuschen einer Straftat vor. Seit Mittwoch muss er sich deshalb vor dem Landgericht Lübeck verantworten und hat gleich zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis abgelegt. „Sämtliche Vorwürfe der Anklage sind zutreffend. Ich bereue, was ich getan habe“, sagte er.

Das schwerste Verbrechen, das ihm zur Last gelegt wird, ist ein Raubüberfall auf einen Discounter in Lübeck im Juli 2018. Er bedrohte zwei Mitarbeiterinnen des Marktes mit einer Softairwaffe und raubte die Tageseinnahmen in Höhe von mehr als 4 000 Euro. Eine der Angestellten sagte vor Gericht, sie leide noch heute unter dem damals Erlebten. Voller Wut rief sie in Richtung Anklagebank: „Wenn man Geld braucht, geht man arbeiten und macht nicht anderer Leute Leben kaputt.“ Eine Entschuldigung des Mannes nahm sie nicht an.

Im Oktober 2018 behauptete der Angeklagte, Opfer einer Entführung geworden zu sein. Zwei Joggerinnen hatten ihn damals verletzt und gefesselt auf einem Friedhof im Ostseebad Timmendorfer Strand gefunden. Der Polizei sagte er, er sei in seiner Wohnung überfallen und verschleppt worden. Die Kidnapper hätten ihn mehrere Tage gefangen gehalten und ihn schließlich auf dem Friedhof an eine Bank gefesselt zurückgelassen. „Ich habe mich selbst mit einem Skalpell verletzt und mich mit Kabelbindern gefesselt“, sage der Angeklagte vor Gericht. Zuvor sei er fast zwei Wochen kreuz und quer durch Europa bis nach Schottland gereist. „Dort wollte ich mich eigentlich umbringen, aber das hat nicht geklappt, deshalb bin ich zurück nach Deutschland.“ Suizidgedanken hatte die psychiatrische Gutachterin allerdings bei dem Angeklagten nicht ausmachen können. „Er hat einen Hang zum Geschichtenerzählen und herausragende manipulative Fähigkeiten. Wunsch und Wirklichkeit in seinem Leben klafften weit auseinander“, lautete ihr Urteil.

Bereits im Sommer 2017 hatte er sich mit gefälschten Zeugnissen eine Stelle als Leiter einer Betreuungseinrichtung des Kinderschutzbundes erschlichen. Der als Zeuge geladene Geschäftsführer des Kinderschutzbunds sagte: „Er machte einen sehr sympathischen Eindruck und war hoch engagiert.“  dpa

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