„Hauptsache gemeinsam und nicht einsam“

Der Norden freut sich über den Reformationstag als neuen Feiertag

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Die Kirchen hoffen auf mehr Gottesdienstbesucher, Hotels und Restaurants auf mehr Umsatz. Doch was wollen die Bürger am neuen Feiertag wirklich? 

Kiel - Den Reformationstag am Mittwoch empfinden viele Menschen im Norden nach Ansicht des Zukunftsforschers Ulrich Reinhard als „gefühlt geschenkten Urlaubstag“. Unter dem Motto „Hauptsache gemeinsam und nicht einsam“ dürften die meisten diesen neuen gesetzlichen Feiertag mit der Familie oder Freunden verbringen wollen – „ob nun daheim oder mit einem Ausflug entscheiden dabei nicht zuletzt das Geld und das Wetter“, sagte der wissenschaftliche Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg und Professor an der Fachhochschule Westküste in Heide. Im Land ist der Reformationstag erstmals gesetzlicher Feiertag. Er erinnert an Martin Luthers Thesenanschlag von 1517 als Auslöser der Reformation.

Wichtig ist laut Reinhardt vielen, den Feiertag „mit etwas Besonderem zu füllen. Also keine Routine, keine Verpflichtungen, sondern sich einfach gemeinsam mal etwas Schönes gönnen“. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) zum Beispiel will den Feiertag in Ruhe mit seiner Familie verbringen, teilte ein Sprecher mit. 

„Den Grund für den zusätzlichen Ferientag hinterfragen nur die allerwenigsten und entsprechend zieht es auch nur wenige in den Gottesdienst“, meinte Reinhardt. „Dieses ist nicht ungewöhnlich, denn auch am 1. Mai gehen nicht alle demonstrieren, am 3. Oktober feiert kaum jemand die deutsche Einheit und selbst Himmelfahrt, Ostern oder Pfingsten ist nicht jede Kirche voll.“

Für die Urlaubsbranche im Land hat der Reformationstag bisher kaum Auswirkungen. „Unsere Gäste kommen auch im Herbst gerne zum Erholen und Entspannen zu uns, allerdings bisher weitgehend unabhängig von dem im Norden neuen Feiertag“, sagte Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein. „Nur wenige Regionen melden, dass es rund um den Reformationstag eine leicht erhöhte Buchungslage gibt.“ Vielleicht müsse es sich erst einmal einspielen, dass der 31. Oktober gesetzlicher Feiertag ist und sehr gut für einen Kurzurlaub im echten Norden genutzt werden könne.

Die Wirtschaft im Norden grollt dagegen weiter über den verlorenen Arbeitstag. „In Zeiten hoher Auslastung ist ein zusätzlicher Feiertag für die Unternehmen schmerzhaft, gerade wenn wenige Tage zuvor eine atemberaubend lange Zeit von drei Wochen Herbstferien erst beendet wurde“, sagte Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Nord.

Der Buß- und Bettag wurde laut Fröhlich im Jahr 1995 abgeschafft, um Mehrbelastungen der Arbeitgeber durch die damals gestartete Pflegeversicherung auszugleichen. Jetzt sei ein zusätzlicher Feiertag eingeführt und eine Erhöhung der Beiträge für die Pflegeversicherung zum 1. Januar 2019 beschlossen worden. „Eine Rolle rückwärts, zulasten der Wettbewerbsfähigkeit, nicht nur im Norden der Republik!“. 

Völlig anders sieht dies der DGB. „Von 2000 bis 2016 hat sich die Produktivität der Wirtschaft dreimal schneller entwickelt als der Lohnzuwachs. Deshalb ist der neue Feiertag auch längst erwirtschaftet“, sagte Uwe Polkaehn, Vorsitzender des DGB Nord. „Noch immer gibt es einen großen Abstand zur Jahresarbeitszeit in den katholisch geprägten Bundesländern. Dort zeigt sich: Arbeitsfreie Tage schaden der Produktivität überhaupt nicht, im Gegenteil, sie können Leistungskraft und Motivation der Mitarbeiter fördern.“

Im Kieler Rathaus werden am Reformationsabend unter anderem Kulturministerin Karin Prien (CDU) und Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) diskutieren unter dem Motto „Reformation 2018..., ist Freiheit“. 

dpa

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