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Grünen-Abgeordnete Anna Langsch: „Ich bin mehr als nur trans“

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Anna Langsch von den Grünen steht auf einem Flur des Schleswig-Holsteinischen Landtags.
Anna Langsch von den Grünen ist die erste Trans-Abgeordnete in der Geschichte des Schleswig-Holsteinischen Landtags. © DPA

Jünger und vielfältiger ist Schleswig-Holsteins Landtag durch die Wahl am 8. Mai geworden. Erstmals sitzt eine Trans-Frau im Parlament an der Kieler Förde: die Grünen-Abgeordnete Anna Langsch.

Kiel – Wenn Anna Langsch nach einem langen Arbeitstag runterkommen will, dann baut sie. Rein virtuell in einem PC-Spiel. „Da kann man wirklich klimaneutrale Städte bauen“, sagt Langsch. Im Landtag in Kiel hat die Grünen-Politikerin jetzt die Möglichkeit, an der Klimapolitik eines ganzen Bundeslandes mitzuwirken. Bei der Landtagswahl am 8. Mai gewann Langsch überraschend das Direktmandat im Wahlkreis Kiel-West. Sie ist die erste Trans-Abgeordnete in der Geschichte des Schleswig-Holsteinischen Landtags.

„Ich bin aber mehr als nur trans“, sagt die 39-Jährige. Aus ihrer persönlichen Geschichte macht sie keinen Hehl, geht offen damit um. „Denn es gehört zu meiner politischen Geschichte und war auch ein Teil meiner Kandidatur.“ Das sei wichtig für Menschen, die sie gewählt hätten. Für die wolle sie sich im Landtag einsetzen. „Ich kann nicht sagen, jetzt bin ich Abgeordnete und rede da nicht mehr drüber.“

Das Mandat für Langsch bedeute einen wichtigen Beitrag für die Sichtbarkeit des Themas, sagte Julia Monro von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Vor 30 Jahren sei eine solche erfolgreiche Kandidatur noch undenkbar gewesen. „Das trägt auf jeden Fall zur Normalität bei.“ Hinter ihrer Kandidatur stecke „ungeheurer Mut“.

Langsch ist Späteinsteigerin, kommt aus keiner Nachwuchsorganisation. Ihr Interesse für die Politik weckte das Ende der Ära von Kanzler Helmut Kohl (CDU) 1998. Bis zu ihrem Parteieintritt sollte es aber 20 weitere Jahre dauern. Bis vor wenigen Monaten arbeitete sie in einer landesweit tätigen Organisation, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt einsetzt. „In die Politik kam ich über meine Arbeit“, sagt Langsch. Dort lernte sie den heutigen Grünen-Europaabgeordneten Rasmus Andresen kennen. Als der den Landtag verließ, gab sich Langsch einen Ruck und engagierte sich ab 2018 parteipolitisch.

Grünen-Landeschef Steffen Regis lobt Langsch als „starke Persönlichkeit“, die nicht nur mit großer Überzeugung für Queer-Rechte eintrete, sondern dabei auch sehr überzeugend sei. „Mit ihrer großen Willensstärke und als verlässliche Teamspielerin bereichert sie unser Grünes Team im Landtag.“

Für die Grünen verhandelt Langsch derzeit im Bereich Soziales über die geplante schwarz-grüne Koalition unter Führung von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) mit. Die Union im Norden sei zwar nicht mit der in südlichen Bundesländern vergleichbar, sagt Langsch. Dennoch lösten manche Schlagworte bei der Union Widerstände aus. Ein Koalitionsvertrag werde halt „nie die reine Lehre, es muss auch keine Liebesheirat sein“.

Im Landtag will Langsch mehr Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt erreichen. „Trans erzeugt große Sichtbarkeit, das will ich nutzen, denn beim Thema geschlechtlicher Vielfalt sind wir 30 Jahre hinter der schwul-lesbischen Bewegung.“

Langsch wurde als Mann geboren. Bis zu ihrem Outing im Jahr 2014 sei sie für ihre langen Haare gehänselt worden, sagt Langsch. „Einen Tag nachdem ich mich als trans-weiblich geoutet habe, bekam ich auf einmal Komplimente für dieselben Haare.“ Die Menschen setzten dann „eine andere Brille auf, mit der sie dich lesen“.

Ebenso wichtig sind der Norddeutschen der Umweltschutz und die Verkehrswende. „Wer Straßen sät, wird Autos ernten“, sagt Langsch. Ihren VW-Bus hat sie bereits vor 20 Jahren verkauft, ist seitdem mit dem Rennrad unterwegs. Auch gerne längere Strecken. „100 Kilometer sind machbar, das habe ich schon geschafft.“ Joggen sei ihr zu langweilig, beim Radfahren entspanne sie besser. Oder bei als anspruchsvoll geltenden Rollenspielen wie der „Dark Souls“-Videospiel-Reihe. „Dafür muss man frustresistent sein“, sagt Langsch. Wie in der Politik zuweilen.

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