Im Interview mit Johannes Oelerich

20 Jahre nach dem „Pallas“-Unglück

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Das Wrack des Frachters „Pallas“ liegt vor der Insel Amrum. Die „Pallas“ war am 25.10.1998 vor der dänischen Küste in Brand geraten und wenige Tage später vor der schleswig-holsteinischen Nordseeinsel Amrum gestrandet.

Kiel - Vor 20 Jahren geriet der Holzfrachter „Pallas“ vor der dänischen Nordseeküste in Brand. Er trieb führer- und antriebslos bei schwerer See und Sturm in deutsche Gewässer und strandete schließlich am 29. Oktober 1998 auf einem Sand vor Amrum. Rund 220 Tonnen Öl liefen in die Nordsee und wurden an die Strände der Inseln gespült. Etwa 16.000 Vögel verendeten.

Der Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im schleswig-holsteinischen Umweltministerium, Johannes Oelerich, war damals Einsatzleiter bei der Ölschadensbekämpfung. In einem Interview erinnert er sich an die Herausforderungen und die Konsequenzen, die aus dem Unglück gezogen wurden.

Frage: Wie haben Sie das „Pallas“-Unglück damals erlebt?

Johannes Oelerich: Ich habe damals im staatlichen Umweltamt Schleswig gearbeitet. Uns war auch die Aufgabe der Ölschadensbekämpfung zugeordnet. Wir haben mitverfolgt, wie die „Pallas“ in Brand geriet, wie sie in deutsche Gewässer trieb, wie man versucht hat, sie auf den Haken zu kriegen. Das fühlte sich alles noch weit weg an. Als die „Pallas“ das erste Mal Grundberührung hatte, da weiß ich den Moment noch, wie ich ein ganz ungutes Bauchgefühl kriegte und dachte, das ist ja näher dran an uns und unseren Zuständigkeiten, als ich das bis jetzt wahrnehmen wollte.

Frage: Was waren ihre Aufgaben?

Oelerich: Es gab eine imaginäre Schnittstelle: Die Einsatzleitgruppe in Cuxhaven war für alles zuständig, was auf See passierte, und die örtliche Einsatzleitung hatte zu koordinieren, was an Land passierte. Wir hatten zu tun mit Ölverschmutzung an den Stränden, zunächst mal auf Amrum, dann auf Föhr und auch auf Sylt und einigen Sänden. Wir hatten zu tun mit ölverschmierten und salzwassergetränktem Holz, natürlich auch mit verölten Vögeln. Sehr viel mehr, als wir gedacht hatten. Am Ende waren es immerhin 16 000 Vögel. Obwohl die „Pallas“ nur ein Holzfrachter und kein Tanker gewesen ist, hat das ausgelaufene Öl ausgereicht, um einen immensen Schaden im Bereich des Wattenmeers und der Küsten der Inseln und Halligen anzurichten. Eine besondere Herausforderung war die Entsorgung des aufgesammelten Materials. Denn es gab in Schleswig-Holstein keine Möglichkeit, ölverschmiertes, Salzwasser getränktes Holz zu entsorgen. Wenn man Salzwasser verbrennt, entstehen Dioxine und dafür müssen die Anlagen zugelassen sein. Wir mussten die geschredderten Teile letztendlich in eine Pyrolyseanlage nach Sachsen fahren.

Frage: Was war das Außergewöhnliche an der Havarie der „Pallas“?

Oelerich: Da kam einiges zusammen, auch nachdem das Schiff schon auf der Sandbank festsaß und Schleppversuche gescheitert waren: Wir hatten stürmische Verhältnisse, ein brennendes Schiff und wir haben noch nie einen vergleichbaren Fall erledigen müssen. So herrschte bei allen Beteiligten eine Zeit lang Unruhe. Hinzu kam, dass das Schiff an einer Stelle zum Liegen kam, die schwieriger als dort nicht zugänglich gewesen wäre. Es hat wochenlang gedauert, den Brand zu löschen und die Ladungsreste zu bergen. Man hat die glutheißen Teile ja nicht anfassen können. Da das Wrack nicht geborgen werden konnte, musste es an Ort und Stelle gesichert werden. Das war eine Herausforderung, die es so noch nicht gegeben hat.

Frage: Es hat damals viel Kritik am Zusammenspiel der Behörden – auch der deutschen und dänischen – gegeben. Ist Deutschland mittlerweile besser gewappnet gegen solche Katastrophen?

Oelerich: In jedem Fall. Es hat ja unter anderem eine unabhängige Untersuchungskommission gegeben, die einen umfangreichen Bericht mit 30 Empfehlungen vorgelegt hat. Die größte Zahl der Empfehlungen konnten umgesetzt werden. Unter anderem wurden das Havariekommando in Cuxhaven (2003) und das maritime Sicherheitszentrum gegründet. Bei komplexen Schadenslagen tritt der Havariekommandant aktiv in die Einsatzleitung ein und bedient sich der Einsatzkräfte vor Ort und auch des örtlichen Einsatz- und Lagezentrums. Eine Erkenntnis aus der „Pallas“-Havarie war ja, dass es nur schwer gelingt, von Cuxhaven aus die Verhältnisse im schleswig-holsteinischen Wattenmeer zu erfassen und dann auch zielgerichtet zu regeln. In der Regel funktioniert dieses Kooperationsmodell gut.

dpa

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