Nele Wree auf der Hallig Süderoog mit dem Küken einer Pommerngans. Seit drei Jahren wohnt sie mit ihrem Partner mitten im Wattenmeer. - Fotos: dpa

„Blanker Hans“ und Abwasch per Hand können Leben auf Hallig nicht vermiesen

Kein Ort für Egoisten

Süderoog - Von Alexander Preker. Seit drei Jahren zu zweit auf einer Hallig: Nele Wree und Holger Spreer wohnen mitten im Wattenmeer und fühlen sich doch nicht allein. Sie kümmern sich um Lämmer, Gänse, Enten – und hungrige Wattwanderer.

Das Leben von Holger Spreer und Nele Wree ändert sich alle sechs Stunden. Seit drei Jahren wohnt das Paar auf Hallig Süderoog, mitten im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Die Gezeiten prägen ihre Tage: Nur bei Flut kann die 33-jährige Rangerin im Nationalpark die Enten, Möwen und andere Vögel zählen, die dann gesammelt auf der Warft sitzen. Und nur bei Ebbe kommen im Sommer Wattwanderer, die sich auf der Hallig stärken.

Am Morgen war noch Starkregen gefallen, dennoch haben sich nun zahlreiche Urlauber von der mehr als sechs Kilometer entfernten Insel Pellworm aus auf den Weg durchs Watt gemacht. „Wir hatten gerade mal eineinhalb Stunden für die Vorbereitung“, sagt Wree. Doch in der mit niederländischen Fliesen gekachelten Küche stehen ein großer Topf Kartoffelsuppe sowie mehrere Bleche Mandel- und Zitronenkuchen pünktlich bereit. Mutter Marinka Wree hilft aus.

Durch ein geöffnetes Fenster bedienen Spreer und Wree Dutzende von Gästen, mit den Besuchern aus Bayern, dem Rheinland oder der Schweiz verdienen sie sich etwas hinzu. Wenn sie weg sind, wartet der Abwasch. Per Hand. Für die Spülmaschine reicht der Strom nicht.

2013 übernahmen die studierte Kunsthistorikerin Wree und der frühere Krabbenfischer Spreer die Hallig, die wie ein Wellenbrecher in die Nordsee ragt. Gemeinsam setzten sie sich gegen Dutzende von Mitbewerbern durch, seitdem teilen sie sich eine Stelle beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN). Vor ihnen hatte das Ehepaar Gudrun und Hermann Matthiesen mehr als 22 Jahre lang die 62 Hektar große Marschlandschaft mit Salzwiesen bewirtschaftet.

„Wieviel Arbeit das ist, sehen viele gar nicht“, sagt der 36 Jahre alte Holger Spreer. „Wir gehen mit dem Rhythmus der Tiere.“ Seit Herbst 2015 ist Süderoog auch anerkannter Arche-Hof: Das Paar hütet vom Aussterben bedrohte Tiere, rund 160 insgesamt. „Unsere Bienen nicht mitgezählt“, ergänzt Spreer. Tatsächlich halten sie auch seltene dunkle Bienen, die sie eigens aus Norwegen importiert haben.

Ruhiger wird das Leben des Paares erst im Winter, wenn die Tage kürzer und die beiden einzigen Hallig-Bewohner manchmal tagelang alleine sind. „Das ist die schönste Zeit“, sagt Nele Wree. Dann genießen sie die gemeinsamen Stunden, denn gerade im Sommer sind sie nur selten wirklich zu zweit. Dabei schlägt im Winter regelmäßig der „Blanke Hans“ zu. Bereits in ihrem ersten Jahr hatten die Orkane Christian und Xaver der Hallig zugesetzt, einmal musste sich das Paar in den Schutzraum im Obergeschoss des Wohnhauses zurückziehen. Neun baumstammdicke Betonpfähle verankern den Raum fest im Watt. Er soll selbst dann stehen bleiben, wenn der Rest des Hauses zusammenbricht.

Herausfordernder finden die beiden, die sich auf der Hallig noch nie einsam gefühlt haben, jedoch andere Dinge. Etwa die Bürokratie: Ein Antrag für ein Windrad zur Stromerzeugung sei zuletzt abgelehnt worden, weil die Hallig im Nationalpark liegt. Auch die anstrengende Lammzeit hat sie viel Schlaf gekostet. Insgesamt 41 jungen Schafen halfen sie 2016 auf die Welt. Ihren geliebten Heidschnucken-Bock Maximus müssen sie ebenfalls abgeben. „Gern würden wir ihn gegen ein anderes Zuchttier tauschen, zum Schlachter geben wir ihn nicht“, sagt Wree.

Bei den vielen gemeinsamen Entscheidungen auf der Hallig bleibt Streit ab und an nicht aus. „Wir wohnen ja nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch zusammen“, sagt sie. Wichtig sei vor allem, dass gemeinsam geplant wird. „Die Hallig ist kein Ort für Egoisten.“

In diesem Sommer steht noch viel Arbeit an: eine neue Heizung, neue Solarplatten, ein neuer Generator. Spreer, der vor wenigen Wochen seine Ausbildung zum Wasserbauer abgeschlossen hat, will sich nach der Brutzeit mit Kollegen vom LKN um die Lahnungen kümmern, die die Hallig schützen. In ihrem neuen Zuhause vermissen die beiden wenig, Freundschaften zu pflegen sei jedoch etwas schwierig. Mal eben weg, geht nicht – die Tiere müssen versorgt werden. Nach Pellworm kommen sie nur bei Flut mit ihrem kleinen Boot, sonst müssen auch sie durchs Watt. Wie lange sie auf Süderoog bleiben? Da wollen sie sich nicht festlegen. J dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.