Die Abrissarbeiten am Rande des Kieler Bootshafens eröffnen neue Perspektiven für die Umgestaltung der Innenstadt. J Foto: dpa
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Die Abrissarbeiten am Rande des Kieler Bootshafens eröffnen neue Perspektiven für die Umgestaltung der Innenstadt.

Zahlreiche Baustellen in der Landeshauptstadt

Kiel reißt ab und baut um

Kiel - Von Wolfgang Schmidt. Baustellen über Baustellen: In Kiel werden munter Häuser abgerissen und neue errichtet. Die Stadt erlebt einen Bauboom wie seit Jahrzehnten nicht und wird ihr Antlitz binnen Kurzem verändern. Nicht alles ist unumstritten.

Eine städtebauliche Perle war Kiel schon vor den umfangreichen Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg nicht. Und der Wiederaufbau danach war auch kein Glanzstück der Baukunst. Jetzt steckt Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt mitten in einer Abriss- und Aufbauphase, die das Stadtbild in wenigen Jahren stark verändern wird. „Wir erleben eine Gestaltungsphase wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, sagt Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). „Wir häuten uns als Stadt.“

Zwei Kaufhäuser, ein Hotel und ein Nebengebäude wurden jüngst abgerissen. Ein neues Quartier mit 120 Wohnungen ist fast fertig, ein weiteres mit 213 soll im Frühjahr folgen. Insgesamt 700 Wohnungen entstehen in diesen Jahren zwischen Schloss und Hörn. Dazu kommen Geschäftshäuser, fünf Hotels, ein Schwimmbad. In die Innenstadt fließen 400 Millionen Euro aus privaten und öffentlichen Kassen. „Die Stadt bekommt ein völlig neues bauliches Gesicht“, sagt OB Kämpfer.

Kiel wurde in der Kaiserzeit im Eiltempo zur Großstadt. Werften, Maschinen- und Fahrzeugbau, Marinehafen – die Stadt wuchs rasant. 1895 war der Nord-Ostsee-Kanal fertig, Kaiser Wilhelm II. persönlich weihte ihn ein. 1900 lebten 100.000 Menschen in der Stadt und der sogenannte Stübbenplan von 1901 (nach dem Städteplaner Joseph Stübben) verfolgte die Perspektive, Kiel zur Millionenstadt zu entwickeln. Mit dem Ende des ersten Weltkriegs verlor die Stadt ihre militärische und industrielle Bedeutung, 1919 zählte sie nur 209.000 Einwohner.

Kiel sollte einmal Millionenstadt werden

Die nun, rund 100 Jahre später entfaltete Dynamik war noch vor Jahren nicht absehbar. 2003 galt Kiel als schrumpfende Stadt. Prognosen sagten für das laufende Jahr 200.000 Einwohner voraus, inzwischen sind es 250.000. „Um 2003 war Katzenjammer“, erinnert sich Kämpfer. „Damals gingen die Prognosen für 2030 von 170.000 Einwohnern aus, jetzt von rund 270.000.“ Die Verwaltung muss also binnen weniger Jahren die Planung auf 100.000 Einwohner mehr umstellen. Das betrifft auch Schulen und Kitas.

Der gestiegene Wohnungsbedarf ist eine große Herausforderung. Kämpfer berichtet: „Von der Erteilung des Baurechts bis zum Einzug dauert es oft zwei bis manchmal acht Jahre – das ist der Flaschenhals, in dem wir stecken.“ Vor 2014 hatte die Stadt jährlich rund 300 Baugenehmigungen erteilt, die Zahl wurde verdreifacht. „Eigentlich müssten wir aber 1200 bis 1400 Wohnungen im Jahr fertigstellen“, sagt der OB. Auch in den nächsten Jahren erwartet er eine angespannte Lage.

Kritik am Bau von Luxuswohnungen in der Innenstadt weist Kämpfer zurück: „Die will ich auch in der Stadt haben. Wir haben eine Vielfalt an Wohnbedarfen in der Stadt und sollten sie nicht gegeneinander ausspielen.“ Alle Bevölkerungsgruppen müssten Platz haben. „Ich möchte einen guten Mix aus sozialem und frei finanziertem Wohnungsbau, wie an der Hörn – das wird ein Vorzeigeprojekt an einer Stelle mit nicht gerade günstigen Bodenpreisen.“

Derzeit bietet die Innenstadt auch traurige Anblicke. 30 Läden stehen leer, Traditionsgeschäfte gaben auf. „Das hat manchmal auch mit Unflexibilität von Eigentümern zu tun“, sagt Kämpfer. „Sie sind noch zu selten bereit, in dieser Umbruchphase realistische Mieten zu verlangen.“

Anfang September gibt es in Rathausnähe den ersten Spatenstich für das umstrittenste Projekt, den Kleiner-Kiel-Kanal. Auf 170 Metern Länge und mindestens 9,5 Metern Breite entsteht eine künstliche Wasserfläche, die zum Verweilen einladen und Platz für Aktivitäten bieten soll. Die Befürworter erwarten eine Attraktivitätssteigerung wie am benachbarten Bootshafen, an dem sich Lokale angesiedelt haben und der sich zum beliebten Veranstaltungsort gemausert hat. Kritiker verspotten den Kleinen-Kiel-Kanal als sinnlosen „Mückentümpel“.

Projekt „Kleiner-Kiel-Kanal“ ist umstritten

Kämpfer ist von dem Projekt überzeugt, das Ende 2019 fertig sein soll. 40 Millionen Euro investiert die Stadt in die Aufwertung der innerstädtischen Straßen und Plätze. Die kilometerlange Holtenauer Straße am Rande der Innenstadt sei mit vielen inhabergeführten Läden, Restaurants, Kneipen, Kino und Schauspielhaus ein Beleg dafür, wie Engagement und Ideenreichtum aus einem tristen Gebiet ein attraktives machen können.

Ein Sorgenkind der Innenstadt soll schon bald zum Schmuckstück werden. Die Konzerthalle am Schloss ist seit Langem keine Spielstätte für gehobene Ansprüche. Dass hier noch das Schleswig-Holstein Musik-Festival gastiert, liegt am guten Willen des Intendanten. Doch die Stadt ist bereit, den derzeit in privatem Eigentum befindlichen Konzertsaal zu übernehmen, zu sanieren und zu betreiben. Land und Stadt geben je acht Millionen Euro zur Modernisierung, dann müssten noch mindestens fünf Millionen aus Spenden hinzukommen. Frühestens 2021 könnte der Saal saniert sein. Kämpfer ist optimistisch.

dpa

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