Bundesratspräsident Günther blickt besorgt auf die aktuelle Stimmungslage

Kitt zwischen Ost und West

Daniel Günther fordert Mut – von Ost und West. Foto: dpa

Kiel – Die deutsche Einheit ist aus Sicht von Bundesratspräsident Daniel Günther grundsätzlich gut gelungen. „Aber ich finde, dass wir schon mal eine größere Normalität zwischen Ost und West hatten“, sagte der Ministerpräsident. „Die Diskussion, was Ost und was West ist, hat zu anderen Zeiten eine geringere Rolle gespielt, als es heute häufig der Fall ist.“ Die aktuelle Atmosphäre gebe Anlass zur Sorge, dass die Differenzen in den vergangenen Jahren eher größer als kleiner geworden seien, sagte der CDU-Politiker. Schleswig-Holstein ist ab morgen Gastgeber der zentralen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit.

„Wir sind doch alle glücklich, dass die Einheit da ist und die Entscheidungen damals so getroffen wurden, auch in dieser Schnelligkeit“, sagte Günther. „Aber es ist zu spüren, dass es noch einen größeren Kitt in der Gesellschaft geben muss zwischen Ost und West.“ Es sei schon erstaunlich, welche Dissonanzen es nach so langer Zeit noch gebe. „Es ist uns politisch nicht gelungen, das alles aufzulösen. Das Trennende in den Köpfen zu überwinden, bleibt eine Herausforderung.“

Zwar gebe es auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch Ungleichgewichte in bestimmten Punkten. „Doch man muss sich auch immer wieder vor Augen führen, wie dramatisch und letztlich hoffnungslos die wirtschaftliche Lage der DDR war“, sagte Günther. Die Ungeduld darüber, dass der Aufholprozess immer noch nicht abgeschlossen sei, sei aber verständlich.

Günther verwies darauf, dass zum Beispiel kein einziger Universitätspräsident in Deutschland aus dem Osten kommt. „Das ist natürlich bitter und sorgt für Enttäuschungen. Es wäre klug gewesen, wenn man etwas sorgsamer darauf geachtet hätte, dass mehr Institutionen ihren Sitz in Ostdeutschland haben.“ Unwichtig seien solche Entscheidungen nicht. „Die Frage, wer repräsentiert und wer trägt Verantwortung, auch für Unternehmen, spielt schon auch eine Rolle.“

Für die Einheitsfeier habe das Land nicht ohne Grund das Motto „Mut verbindet“ gewählt, sagte Günther. „Wir sollten uns wieder gegenseitig mit Mut anstecken.“ Die Angleichung der Lebensverhältnisse sei eine gemeinsame Aufgabe in Ost und West. „Auch in Westdeutschland gibt es Regionen, die nicht abgehängt werden dürfen, nicht nur im Osten“, erklärte der Regierungschef.

Gemeinsam an einem Strang zu ziehen, könne dazu beitragen, die gefühlte Distanz zwischen Ost und West deutlich zu verringern. Dies geschehe auch, zum Beispiel beim Kohle-Ausstieg. „Daran sieht man, dass es hier keine Trennung in Ost und West gibt, auch nicht in den Köpfen.“

Günther hatte den Mauerfall am 9. November 1989 in Eckernförde am Fernseher mit einem Freund erlebt, der aus der DDR stammte. „Das war sehr emotional.“ Günther war damals 16. „Das erste Mal bin ich danach 1990 im Osten gewesen, auf Klassenfahrt in Stralsund.“ Heute ist er regelmäßig im Osten unterwegs, nicht nur politisch. „Ich fahre auch sehr gern durch Wesenberg in Mecklenburg-Vorpommern – weil mein Vater dort geboren wurde.“  dpa

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