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Klimawandel vor der Haustür

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Blick auf das Wattenmeer in der Nordsee vor Büsum. Experten warnen vor den Folgen des Klimawandels.
Blick auf das Wattenmeer in der Nordsee vor Büsum. Experten warnen vor den Folgen des Klimawandels. © dpa

Büsum – Der Klimawandel hat das Wattenmeer erreicht. Steigende Meeresspiegel, Erwärmung, Extremwetter – all dies hat Folgen für das größte zusammenhängende Sand-Schlickwattsystem der Welt. Über mehr als 11 500 Quadratkilometer erstreckt sich das Wattenmeer von Dänemark bis in die Niederlande. Rund 10 000 Arten leben dort – von einzelligen Organismen über Algen, Muscheln und Würmer bis hin zu Robben und Schweinswalen.

Die Unesco erkannte das Küstengebiet wegen seiner herausragenden geologischen und ökologischen Bedeutung als Weltnaturerbe an. Und nun das: Die Weltnaturschutzunion berichtete vor einem Jahr, das Weltnaturerbe Wattenmeer gehöre zu den betroffenen Regionen, mit einer „sehr hohen Bedrohung“ durch den Klimawandel.

Drei Tage lang haben jetzt rund 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Dänemark, den Niederlanden und Deutschland über die Auswirkungen des Klimawandels auf das komplexe Ökosystem Wattenmeer diskutiert. Alle Bereiche des Wattenmeers werden durch den Klimawandel bereits jetzt deutlich beeinflusst, sagte die Vorsitzende des Wadden Sea Boards, Professorin Karin Lochte, am Donnerstag nach Abschluss des virtuell veranstalteten Symposiums. Deutlich sei bei der Tagung geworden, dass der Austausch von Daten und Informationen zwischen den drei Ländern weiter intensiviert werden müsse, um das Management zum Schutz des Wattenmeers auch an neue Herausforderungen anpassen zu können, sagte Lochte weiter.

Im Fokus der Wissenschaftler stand unter anderem die Auswirkungen auf die Vögel. Millionen Vögel sind jedes Jahr bei ihren Wanderungen von den Brutgebieten in der Arktis zu ihren Winterquartieren in Afrika zu Gast im Wattenmeer. Laut Nationalparkverwaltung sind die Zugbewegungen wandernder Vogelarten zeitlich mit der Verfügbarkeit von Nahrung getaktet. „Durch den Klimawandel kann diese Synchronisierung durcheinandergeraten“, heißt es. Ein gut erforschtes Beispiel sei der Knutt, ein Watvogel, der das Wattenmeer als Zwischenstopp auf dem Zugweg nutzt: Wenn die Küken in den arktischen Brutgebieten schlüpften, seien viele ihrer Nahrungstiere – kleine Insekten – schon nicht mehr verfügbar. Die schlecht ernährten Jungvögel entwickelten kürzere Schnäbel. Dadurch haben sie als erwachsene Vögel Nachteile in ihren afrikanischen Winterquartieren, weil sie dort in Feuchtgebieten nach Bodenlebewesen stochern. Bei Vögeln, die im Wattenmeer brüten, zerstören immer häufiger Sturmfluten die Gelege.

Durch die Erwärmung der Meere können im Wattenmeer zudem mittlerweile auch Arten leben, die sich dort vor einigen Jahrzehnten noch nicht wohlfühlten. Doch nicht alle fremden Arten sind schädlich oder verdrängen heimische Tiere und Pflanzen. Neue Arten im Wattenmeer können sich positiv auswirken; so dient beispielsweise die Amerikanische Schwertmuschel als Nahrung für einheimische Vögel. Sie können aber auch negative Folgen haben, etwa wenn Parasiten eingeschleppt werden. Laut Experten des Alfred-Wegener-Instituts auf Sylt haben sich mehr als 100   eingeschleppte gebietsfremde Arten im Wattenmeer angesiedelt, ohne einen ursprünglichen Bewohner zu vertreiben. Infolgedessen hätten Arten- und biogene Lebensraumvielfalt zugenommen.

Ein besonderer Lebensraum innerhalb des Ökosystems Wattenmeer, den die Experten im Fokus haben, sind die Salzwiesen. Diese entstehen an flachen, von Gezeiten beeinflussten Küsten, wenn sich dort nach jeder Flut Sedimente ablagern und sich eine Schlickschicht bildet. Ist diese Schicht dick genug, siedeln sich dort erste Pflanzen wie der Queller an. Die Wiesen werden aber weiterhin regelmäßig vom Salzwasser überschwemmt. Salzwiesen sind mehr als nur ein Lebensraum für hoch spezialisierte Tiere und Pflanzen, sie schützen nach Angaben des Landesbetriebs für Küstenschutz die Küste und Deiche bei Sturmfluten, weil sie heranrollende Wellen dämpfen. Und sie dienen als Kohlendioxid-Speicher.

Doch wenn die Temperaturen im Zuge des globalen Klimawandels steigen, könnte das System aus dem Gleichgewicht geraten. Forscher der Universität Hamburg haben 2018 auf der Hamburger Hallig kuppelförmige „Erwärmungskammern“ in unterschiedlichen Lebensräumen der Salzwiesen aufgebaut, wo verschieden starke Temperaturanstiege simuliert wurden.

Von Birgitta Von Gyldenfeldt

Sandregenpfeifer, Alpenstrandläufer und andere Zugvögel fliegen über das Wattenmeer.
Sandregenpfeifer, Alpenstrandläufer und andere Zugvögel fliegen über das Wattenmeer. © -

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