Amerikanistik-Wissenschaftlerin kritisiert Karl-May-Festspiele

Klischee oder Fantasiewelt?

Jean-Marc Birkholz als Winnetou steht auf der Bühne. Die Amerikanistik-Professorin Mita Banerjee ist der Meinung, dass die Karl-May-Festspiele nicht so weitergehen können wie bisher. Die Veranstaltungen fördern ihrer Ansicht nach ein unrealistisches Bild von Indianern. Foto: dpa

Elspe/Bad Segeberg – Es ist wieder Karl-May-Festspiel-Zeit in Deutschland. Am Samstag kehrte Winnetou auf die Naturbühne Elspe im Sauerland zurück, am 29. Juni wird er vor der imposanten Kalkstein-Kulisse von Bad Segeberg erwartet. Doch ist es eigentlich im Jahr 2019 noch okay, wenn sich Deutsche rot anmalen und Indianer spielen?

Mita Banerjee, Professorin für Amerikanistik am Obama Institute for Transnational American Studies in Mainz, findet, dass die Karl-May-Spiele so wie bisher nicht weitermachen können. Sie förderten ein klischeehaftes Bild von „den“ Indianern, die es so als Einheit gar nicht gegeben habe, kritisiert sie. Die Vielfalt indianischer Kulturen finde keine Berücksichtigung. Banerjee ergänzt: „Stellen Sie sich vor, irgendwo in Afrika feiert ein Land ein Festival, bei dem eine erfundene Geschichte über einen Deutschen aufgeführt wird, und alle tragen ausschließlich Lederhosen und Dirndl und essen nichts als Sauerkraut. Immer. Was würden wir wohl dazu sagen? Wir würden sagen: 'Das ist ja ein absolutes Klischee. In Wahrheit bin ich ganz anders und bei uns gibt es so viel mehr.'“

Banerjee geht nicht soweit, ein Ende der Festspiele zu fordern. „Aber wir müssen sie dringend verändern.“ Zum Beispiel könnte sie sich vorstellen, dass indigene (indianische) Künstler aus den USA mit einem Film oder einem anderen Projekt integriert würden. „Sonst bleibt es eine koloniale Geste. Dann sagen wir: Es ist uns egal, ob wir eure Wirklichkeit darstellen oder nicht – euer Bild gehört uns!“ Auch Anne Slenczka, Amerika-Referentin im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, fehlt bei May die Stimme der „Native Americans“, wie die „Indianer“ in den USA und in Kanada meist genannt werden. Sie plädiert dafür, den Begriff „Indianer“ ebenso zu streichen wie das Wort „Rothaut“. Denn es sei ja keineswegs so, dass die Ureinwohner Amerikas eine rote Hautfarbe gehabt hätten. Vielmehr hätten sie sich zu bestimmten Anlässen das Gesicht bemalt – manchmal in Rot. Jean-Marc Birkholz, der Winnetou-Darsteller in Elspe, kann die Diskussion nicht nachvollziehen: „Winnetou ist eine Märchenfigur“, sagt der 45 Jahre alte Schauspieler. Ute Thienel, Geschäftsführerin der Karl-May-Spiele Bad Segeberg, sieht es genauso: „Der Forderung von Professorin Banerjee liegt ein Missverständnis zugrunde“, findet sie. „Die Karl-May-Spiele erheben überhaupt nicht den Anspruch, die Realität im Nordamerika des 19. Jahrhunderts darzustellen. Wir bringen die Traumwelt des Schriftstellers Karl May auf die Bühne.“

„Karl May ist Fiktion“, betont auch Christian Wacker, Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul bei Dresden. „Seine Bücher sind Fantasy-Geschichten.“ Der Schriftsteller aus dem Deutschen Kaiserreich schrieb seine Romane, ohne je in den USA gewesen zu sein. Dennoch könnten die Karl-May-Geschichten bis heute Interesse an indigenen Kulturen wecken, nach dem Motto: Wie war Winnetou denn wirklich? „Wir arbeiten hier im Karl-May-Museum ganz eng mit indigenen Völkern zusammen und weisen dabei auch auf heutige Probleme hin“, berichtet Wacker.

„Und wir haben hier jedes Jahr die Karl-May-Festtage. Da haben wir eine indigene Bühne, und die ist klar getrennt vom kirmesartigen Treiben der Indianer und Cowboys, das es auch gibt.“   dpa

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