Sand und noch mehr Sand schütten Sylts Küstenschützer jedes Jahr gegen die Wellen der Nordsee auf. Offenbar so erfolgreich, dass die Insel vielerorts wächst.
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Sand und noch mehr Sand schütten Sylts Küstenschützer jedes Jahr gegen die Wellen der Nordsee auf. Offenbar so erfolgreich, dass die Insel vielerorts wächst.

Küstenschützer kämpfen um die Insel

Sylt bröckelt weiter

Hörnum - Von Alexander Preker. Für den Spaziergang um die Hörnumer Odde hat sich Ankemarie Hansen dick angezogen. Gut drei Stunden benötigte sie, als sie das letzte Mal die Landzunge an der Sylter Südspitze abschritt. Das war vor gut 30 Jahren. Heute geht sie gerade mal eine Stunde.

„Ich kann das kaum glauben. Ich weiß noch, wie weit man früher laufen konnte“, sagt Hansen und zeigt auf eine Sandbank im Meer. Damals arbeitete die 64-Jährige als Bankangestellte auf Sylt, heute ist die Frau aus Schafflund in Nordfriesland erstmals wieder auf der Insel, als Urlauberin.

Rolf Speth, seit 13 Jahren Bürgermeister von Hörnum, trauert um jeden einzelnen Abbruch. Speth, 70, ist auf Sylt geboren, aufgewachsen und weiß noch genau, wann viele Insulaner für sich beschlossen, dass man gegen den Blanken Hans anbauen müsse. „Das war nach 1962.“ In Hamburg bewahrte Helmut Schmidt damals zahlreiche Menschen vorm Ertrinken, auf Sylt trennte die Sturmflut Hörnum und die Südspitze vorübergehend von der übrigen Insel. Und noch heute kann die Nordsee bei extremen Stürmen die Dünenkette durchbrechen – und die vielerorts schmale Insel teilen.

Diesen Winter haben bislang vor allem die Stürme „Heini“ und „Iwan“ an Sylt genagt – und Speth, damals Lehrling, heute Bürgermeister, kämpft an der Südspitze dagegen an. Allein im November verschwanden dort Düne und Strand auf 850 Metern Länge und bis zu 60 Metern Breite. Rund 2,2 Hektar Land fielen den Wellen zum Opfer. Bis Mitte Februar riss das Meer an der Odde noch fast einen weiteren Hektar weg.

Ginge es nach Speth, müssten daher tonnenschwere Tetrapoden aus Beton künftig auch den Sand an der Spitze sichern. Doch im Februar verhallte seine Bitte ans Kieler Umweltministerium, diese Art Küstenschutz zu verlängern. Denn vom Ort Hörnum hielten die 2012 und 2014 gebauten Klötze die Fluten bereits gut zurück. „400 Meter mehr in Richtung Südspitze wären aber schön“, sagt Speth.

Die Erosionen an der Odde gehören nach Einschätzung des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) zur Anpassung der Morphologie. Die Sylter Südspitze verlagert sich demnach seit Jahren mit der Strömung gen Osten, und die Landzunge bleibt Wind und Wellen ausgesetzt. Anders als das mit Beton geschützte Örtchen Hörnum.

Was also tun? „Es bringt wenig, bestimmte Gebiete auf Kosten anderer zu schützen“, sagt Christian Hass, Meeresgeologe beim Alfred-Wegener-Institut auf Sylt. „Jede Störung des natürlichen Systems wird unweigerlich von negativen Effekten begleitet.“

Statt für „harten“ Küstenschutz wirbt Forscher Christian Hass dafür, Sand mit Sand zu ersetzen. Diesem Credo entsprechend saugen Schiffe seit rund 40 Jahren jedes Frühjahr etwa eine Million Kubikmeter Sand sieben Kilometer vor Sylt auf und spülen ihn an die Westküste der Insel, die wie ein Wellenbrecher in die Nordsee ragt. Kosten: rund sieben Millionen Euro jährlich.

Immerhin mehr als drei Millionen Kubikmeter des aufgespülten Sands konnten seit 1990 in bis zu 30 Meter breiten, vorgelagerten Dünen gebunden werden – auch dank Gräsern und Zäunen, die ihn festhalten. Die Insel wächst. „Damit verfügt die Insel über einen Sandpuffer, der für schwere Stürme auch gebraucht wird“, erklärt Johannes Oelerich, Direktor des schleswig-holsteinischen LKN. Er sagt beim Blick auf die Karte, in der Sedimentation grün und Erosionen rot eingezeichnet sind: „Die Westküste sieht schon ziemlich grün aus.“

Mehr Grün wünscht sich Rolf Speth auch für die Südspitze. Sein Motto: „Wenn man will, ist alles möglich“.

Doch die Befestigung der Dünen birgt auch Risiken. Wegen der Bepflanzung könnten sie nicht mehr wandern und somit ihre Höhe nicht mehr einem schwankenden Meeresspiegel anpassen, gibt Christian Hass zu bedenken. Insgesamt wird man sich also damit abfinden müssen, dass der heutige Zustand des Ökosystems nur temporär ist.

dpa

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