„Baustein einer Zwischenlösung“

Kiel testet neues Luftreinigungsgerät

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Der Prototyp eines Purevento Stadtluftreinigers soll erstmals in Kiel aufgestellt und circa sechs Wochen später im Reinigungsbetrieb getestet werden. 

Kiel– Ein neuartiges Luftreinhaltegerät soll in der Landeshauptstadt Kiel an einer besonders belasteten Verkehrsader Schadstoffe aus der Luft filtern. Am Mittwoch werde ein Prototyp auf dem Theodor-Heuss-Ring zunächst eine gute Woche lang aufgestellt - allerdings in einer ersten Phase noch nicht im Reinigungsbetrieb, sondern zur allgemeinen technisch-praktischen Erprobung, sagte Geschäftsführer Robert Krüger von der Entwicklungsfirma Purevento am Montag in Trittau (Kreis Stormarn) bei einer Präsentation.

Das mobile Gerät werde dann in anderen Städten in Deutschland vorgestellt und in etwa zwei Monaten nach Kiel für einen mehrwöchigen Luftreinhalte-Praxistest aufgestellt. Man hoffe auf das Interesse vieler Kommunen mit starker Luftverschmutzung. In welchen Städten das Gerät vorgestellt werde, wollte Krüger nicht sagen. Die besonders belasteten Städte Stuttgart und München gehörten aber nicht dazu.

Nach Angaben des Umweltbundesamts rangierte Kiel 2018 mit einem Jahresmittel von 60 Mikrogramm je Kubikmeter Luft an bestimmten Stellen auf der Liste der am stärksten belasteten deutschen Städte auf dem dritten Platz nach Stuttgart und München. Der EU-Grenzwert beträgt 40 Mikrogramm.

Als Alleinstellungsmerkmal nannte Krüger die Mobilität des Geräts, das als 3,5 Tonnen Anhänger von Ort zu Ort gefahren und ohne Baugenehmigung schnell aufgestellt werden könne. Bislang neuartig sei auch die Fähigkeit dieses Stadtluftreinigers, gleichzeitig Feinstaub und alle gasförmigen Schadstoffe wie Stickoxide in einem zweistufigen Verfahren aus der Luft herauszufiltern.

Ziel sei es, mit den Geräten im direkten Umfeld die Feinstaub- und Stickoxidbelastung um etwa zehn Prozent zu reduzieren. Die von dem Gerät angesaugte Luft werde sogar um etwa 80 bis 85 Prozent von Schadstoffen gereinigt. „Diese Geräte sind also eine von mehreren Maßnahmen, wir wollen die Luftbelastung quasi verdünnen“, erläuterte Krüger. Bei einem Umfeld von zehn mal zehn mal 190 Metern wie dem Theodor Heuss Ring müssten 19.000 Kubikmeter Luft gesäubert werden. Jedes Gerät schaffe 40.000 Kubikmeter pro Stunde zu etwa 80 Prozent zu reinigen - das wären also 320.000 Kubikmeter Luft mit zehn Prozent weniger Schadstoffen.

Stickoxid-Belastung soll verringert werden

Um die Luftbelastung am Theodor-Heuss-Ring in zehn Metern Höhe und zehn Metern Breite um zehn Prozent zu reinigen, seien sechs der container-ähnlichen Geräte notwendig. Der Stadt Kiel gehe es um die Reduzierung der zu hohen Stickoxid-Belastung. Direkt an dem Straßenabschnitt liegen mehrgeschossige Wohnhäuser.

Der Prototyp ist 2,50 Meter hoch und breit und fünf Meter lang. Das Gerät verbrauche im Basisbetrieb nicht mehr Strom als ein Föhn und im Volllastbetrieb nicht mehr als zwei Föhne. Das System sei simpel: Belastete Luft werde von der Straßenseite angesaugt und auf dem Bürgersteig zur Häuserseite gesäubert wieder herausgepustet. Der Geräuschpegel sei nicht lauter als der Verkehr, sagte Krüger.

Er sagte, dass es bereits etwa 20 Stadtluftreinigungsgeräte zum Beispiel in China oder Indien gebe - aber oft seien diese nicht zuverlässig oder extrem groß. Und die Luftreinigungssäulen, die bisher am besonders belasteten Neckartor in Stuttgart stünden, seien fest installiert - und hätten bisher nur Feinstaub reduziert.

„Wir verstehen diese Geräte als einen Baustein einer Zwischenlösung, bis die Elektromobilität in den Städten stark zunimmt und die Schadstoffbelastung zurückgeht“, sagte Krüger. Seine Firma werde nicht von der Autoindustrie unterstützt, sagte er auf Nachfrage. Die Geräte sollen etwa 80.000 Euro pro Stück kosten.

Nur ein Prototyp fertiggestellt

Bislang hat Purevento nur den Prototyp fertig. Sollte Kiel Interesse haben, könnten innerhalb von sechs Monaten die sechs notwendigen Geräte für den Theodor-Heuss-Ring hergestellt werden. Die Stadt Kiel will erst einmal abwarten, ob mit solchen Geräten tatsächlich Luftverbesserungen erreicht werden können, erläuterte ein Sprecher. „Das ist ein bisschen angewandte Forschung, die sind nicht Bestandteil unseres Konzepts für eine sauberere Luft“, sagte Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD).

Am Ende entscheide das Umweltministerium des Landes, ob die Geräte mit in den Luftreinhalteplan kämen. Dessen Entwurf wolle das Ministerium noch vor der Sommerpause vorlegen. „Nach unserem Plan wollen wir spätestens Ende 2021 die EU-Grenzwerte einhalten“, sagte Kämpfer. Stickstoffdioxid in Städten stammt zu einem großen Teil aus Diesel-Abgasen und ist der Grund für Diesel-Fahrverbote. Ein solches Fahrverbot will die Stadt Kiel vermeiden.

Die Deutsche Umwelthilfe hält nichts von Luftreinigungsgeräten. „Einen NO2-Staubsauger auf der Straße aufzubauen, passt eher zu Schilda als zu Kiel“, sagte Geschäftsführer Jürgen Resch. Eine solche Anlage sei nicht in der Lage, die Luft von den in Kiel sogar um sieben Prozent gestiegenen Stickstoffdioxidkonzentrationen zu reinigen. „Wir müssen die Diesel-Abgasgifte an der Quelle herausfiltern, indem alle schmutzigen Diesel-Fahrzeuge im Rahmen eines amtlichen Rückrufs eine neue funktionierende Hardware eingebaut bekommen“, forderte Resch.  

dpa

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