Land will Wildnis-Gebiete schaffen

Mehr unberührte Natur

„Je wilder, desto lieber“: Im Kieler Landtag wurde gestern ein Regierungsbericht über Wildnis-Gebiete präsentiert.

Kiel – Als Naturschutzprojekt sollen im Land zwei Prozent der Landesfläche – das sind 32 000 Hektar – wieder zur Wildnis werden. Dies könne aber nur mittel- bis langfristig gelingen, heißt es im Bericht „Wildnis in Schleswig-Holstein“ der Landesregierung. Er wurde gestern ohne Aussprache im Landtag vorgestellt, die Reden wurden zu Protokoll gegeben.

Im Jahr 2016 war das Zwei-Prozent-Wildnis-Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie ins Landesnaturschutzgesetz übernommen worden. Das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und landwirtschaftliche Räume (LLUR) hat inzwischen ein Konzept erarbeitet und geeignete Wildnis-Gebiete bestimmt.

Zunächst soll in neun bereits festgelegten Modellgebieten innerhalb der kommenden fünf Jahre die Umsetzung des Wildnisziels vorangetrieben werden: Der Barkauer See (Kreis Ostholstein), Teile der Unterelbe (Kreis Pinneberg), Moore bei Dellstedt (Kreis Dithmarschen), der Naturwald Kranika (Kreis Stormarn), die ehemalige Baggergrube Basedow (Kreis Herzogtum Lauenburg), Lütjensee/Hochfelder See (Kreis Plön), Wälder und Moore der Fröruper Berge (Kreis Schleswig-Flensburg), der Zentralbereich der Pohnsdorfer Stauung (Kreis Plön) und Teile des Beltringharder Kooges (Kreis Nordfriesland).

Als Wildnis gelten laut Landesnaturschutzgesetz „große, unveränderte oder nur leicht veränderte Naturgebiete, in denen sich die Natur weitgehend unbeeinflusst von menschlichen Nutzungen entwickeln kann“.

Ein Problem bestehe darin, dass echte Wildnis im Land heute „nicht mehr vorhanden“ sei, heißt es im Bericht. Im 19. Jahrhundert sei noch etwa ein Drittel der Fläche nutzungsfrei gewesen. Heute gebe es kaum einen Fleck in der Landschaft, der nicht vom Menschen geprägt sei.

Damit ein Gebiet sinnvoll Wildnis werden kann, muss es laut Bundesnaturschutzamt mindestens 500 Hektar umfassen, Wälder sogar 1 000 Hektar. Im landwirtschaftlich geprägten Schleswig-Holstein sei das „nicht umsetzbar“. Das LLUR hat die Mindestgröße auf 20 Hektar reduziert.

In Wildnis-Gebieten soll es keine großen Straßen, keine Land- und Forstwirtschaft, keinen Hochwasserschutz sowie möglichst keine Jagd und Fischerei geben. Wandern, Reiten und Radfahren sollen erlaubt sein, jedoch keine Mountainbikes und keine Motorboote.

Das LLUR hat bisher 159 Gebiete in Schleswig-Holstein mit einer Fläche von knapp 25 000 Hektar als wildnisgeeignet identifiziert. Das dominierende Ökosystem sind Moore, allerdings auch Naturwälder oder andere Naturschutzgebiete. Hinzu kommen Teile des Nationalparks Wattenmeer, insbesondere Vorlandsalzwiesen, aber auch die Insel Trischen.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Marlies Fritzen zitierte den Schweizer Schriftsteller Robert Walser (1878 bis 1956): „Die Natur braucht sich nicht anzustrengen, bedeutend zu sein. Sie ist es.“ Mit dem Nationalpark Wattenmeer habe Schleswig-Holstein „ein riesiges einmaliges und streng geschütztes Gebiet von Welterbestatus. Seine Landflächen tragen wesentlich zum Erreichen unseres Wildnisziels bei“, sagte Fritzen. Hinzu kämen die Naturwälder – auch hier mit Kompromissen bei der Fläche, aber immerhin. „Hier wie dort kommen wir jedenfalls dem Wunsch von zwei Drittel der Bevölkerung schon nach: je wilder, desto lieber.“  dpa

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