Leben im deutsch-dänischen Grenzland

„Minderheit ist, wer will“

Dänisch oder Deutsch? Für viele Angehörige der deutschen Minderheit in Dänemark und der dänischen Minderheit in Deutschland spielt die Frage keine große Rolle. Foto: dpa

Flensburg/Apenrade - Von Birgitta Von Gyldenfeldt. Dänisch oder Deutsch? Für viele Angehörige der deutschen Minderheit in Dänemark und der dänischen Minderheit in Deutschland spielt die Frage keine große Rolle. „Ich habe mehrere Identitätsschichten“, sagt Stephan Kleinschmidt. Er sei Nordschleswiger, Grenzlandbewohner, Deutscher, Däne, Europäer, Weltbürger. Der 42-Jährige ist stellvertretender Bürgermeister im dänischen Sønderborg (Sonderburg) und Angehöriger der deutschen Minderheit. Hauptberuflich arbeitet er seit 2018 als Dezernent bei der Stadt Flensburg, zuvor war er einige Jahre in der Staatskanzlei in Kiel beschäftigt. Er sieht sich wie viele in der Minderheit als Brückenbauer zwischen den Minderheiten, zwischen Minderheits- und Mehrheitsbevölkerung und auch über die Grenze hinweg.

Etwa 15 000 Menschen, die sich der deutschen Minderheit angehörig fühlen, leben nördlich der Grenze zu Schleswig-Holstein, etwa 50 000 Menschen im Land zählen sich zur dänischen Minderheit. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn es hat sich das Prinzip durchgesetzt, „Minderheit ist, wer will“. Die Grenzregion und das Verhältnis der dort lebenden Menschen entwickelte sich zum Musterbeispiel friedlichen Zusammenlebens.

1920 wurde die Grenze zwischen Deutschland und Dänemark nördlich von Flensburg und südlich von Tønder (Tondern) neu gezogen. Festgelegt wurde ihr Verlauf auf Grundlage des Versailler Friedensvertrags durch Volksentscheide in zwei Abstimmungszonen am 10. Februar und am 14. März. Bei der Abstimmung im nördlichen Teil stimmten rund 74 Prozent dänisch und 26 Prozent deutsch. In der südlicheren Zone mit der Stadt Flensburg wählten 80 Prozent deutsch.

Die demokratische Grenzziehung und das friedliche Miteinander von Deutschen und Dänen in der Region gelten international als vorbildhaft – und als Geburtsstunde der Minderheiten in der Region. Es entstanden eine große deutsche Minderheit in Dänemark und eine kleinere dänische Minderheit in Deutschland. Dieses Verhältnis kehrte sich nach dem Zweiten Weltkrieg um.

Minderheiten und Mehrheiten beiderseits der Grenze arbeiten heute gemeinsam daran, die Region zu stärken. Kommunen, Behörden, Unternehmen, Verbände, kulturellen Einrichtungen und Einsatzkräfte auf beiden Seiten der Grenze kooperieren. Doch so gut wie heute war das Verhältnis in der Grenzregion nicht immer.

„Dieses gute, beinahe symbiotische Zusammenleben, hat sich erst im Laufe der Jahrzehnte entwickelt“, sagt Jørgen Kühl, Minderheitenexperte an der Universität Flensburg und Rektor der A.P. Møller Skolen in Schleswig – der Vorzeigeschule der dänischen Minderheit.

Jaarne (17), Chantal (16) und Martje (17) sind Schüler der A.P Møller Skolen. Sie gehören seit dem Kindergartenalter beziehungsweise der ersten Klasse zur dänischen Minderheit. Ihre Eltern sind Deutsche. Sie haben erst durch ihre Kinder zum Dänischen gefunden. Die Gemeinschaft, der lockerere Umgang etwa mit Lehrern, das dänische Gefühl mögen die drei.

Und hadern sie manchmal mit ihren zwei Identitäten als Deutsche und Dänen? Fühlen sie sich manchmal weder dem einen noch dem anderen richtig zugehörig? „Nein“, sagt Martje bestimmt. Sie sei 200 Prozent. „100 Prozent deutsch und 100 Prozent dänisch.“

Eine solche Antwort wäre früher wohl undenkbar gewesen. Über Jahrhunderte war Schleswig-Holsteins Geschichte geprägt von deutsch-dänischen Auseinandersetzungen um die Eigenständigkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein, ihre Zugehörigkeit zu Dänemark, oder Preußen. 1864 – nach einem verlorenen Krieg – mussten die Dänen auch das zum dänischen Gesamtstaat gehörenden Herzogtum Schleswig abtreten, auch wenn es noch eines weiteren Krieges (zwischen Österreich und Preußen) bedurfte, bis Schleswig-Holstein 1867 preußische Provinz wurde. Dänemark wurde in der Folge zu einem Nationalstaat, „aber einer mit einer offenen Wunde im Süden“, sagt der Historiker Frank Lubowitz. Diese wurde 1920 aus dänischer Sicht geschlossen – sie feiern das diesjährige Jubiläum daher auch „als Genforeningen 2020“ – Wiedervereinigung 2020. dpa

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