Noch keine Häufung

Experten zählen Sturmfluten zu Einzelphänomenen

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Erosion: Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP, l.) und Karsten Kruse (Wählergemeinschaft Hohwacht), der Bürgermeister von Hohwacht, begutachten die Schäden an der Steilküste, die Unwetter im Januar hinterlassen haben.

Kiel - Im Abstand von nur sieben Tagen hat es an der Ostseeküste zwei Sturmfluten gegeben - mit Pegelständen von 1,79 Metern über normal war eine davon schwer. Bereits vor zwei Jahren waren einmal ähnlich hohe Werte gemessen worden.

Angesichts der - wenn auch eher geringen - Schäden durch die jüngste Sturmflut müsse erörtert werden, ob es in der Ostsee Veränderungen und dadurch längerfristige Handlungserfordernisse gebe, forderte etwa CDU-Politiker Werner Kalinka Mitte Januar. Auch Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) betonte kürzlich, dass die Klimaveränderungen neue Künstenschutz-Konzepte nötig machten.

An der Ostsee gilt eine Sturmflut ab 1,50 Metern über normal als schwer. Wie auch an der Nordsee treten Sturmfluten ein- bis zweimal pro Jahr auf. Schwere Sturmfluten sind hingegen ein selteneres Phänomen. Ist eventuell ein verändertes Klima schuld daran, dass binnen zwei Jahren zweimal derart hohe Wasserstände gemessen wurden? Für solche Schlussfolgerungen sei es zu früh, sagt Andreas Lehmann vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. „Diese zwei Ereignisse sind noch keine Häufung von schweren Sturmfluten.“ Erst wenn über Jahrzehnte mehr schwere Sturmfluten festgestellt würden, könnte man von einer Häufung sprechen.

Es gebe eine Reihe von Faktoren, die bei deren Entstehung eine Rolle spielten, erklärt der Wissenschaftler - darunter die Küstenform, der Wasserstand, die Gezeiten sowie Wind und dessen Richtung. Der einzige Faktor, der erwiesenermaßen in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel steht, sei der steigende Meeresspiegel. Mit drei Millimetern pro Jahr dürfte es laut Lehmann allerdings noch dauern, bis dieser bei der Entstehung von Hochwassern eine signifikante Komponente darstellt. Dennoch: „Man kann annehmen, dass mit dem Meeresspiegelanstieg die Erosion an den Küsten in Zukunft stärker voranschreiten wird.“

Die Erderwärmung hat möglicherweise auch indirekt Einfluss, sagt Lehmann. Eine entsprechende Theorie hat mit dem Jetstream zu tun, einem Wind, der in der Höhe wellenförmig um die Nordhalbkugel weht und warme sowie kalte Luftmassen trennt. Weil sich der arktische Bereich schneller erwärmt als der südlichere, wird der Jetstream schwächer. Das bremst Ausbuchtungen, die die Lage von Hochs und Tiefs bestimmen. Was bedeute, dass bestimmte Wetterlagen nun länger an einem Ort verweilen.

Diese Jetstream-Theorie könnte auch die Wetterlage am 2. Januar erklären, als die schwere Sturmflut auf die Ostseeküste traf: Der Flut waren ein Hochdruckgebiet über England und ein Tiefdruckgebiet, das von Norwegen über Schweden nach Osten abzog, vorausgegangen. Für diese wiederum war eine Ausbuchtung im Jetstream verantwortlich. Für die Ostseeküste, die häufiger Westwinde und damit verbunden niedrige Wasserstände erlebt, sei das „eine relativ ungewöhnliche Wetterlage“ gewesen, erklärt Lehmann.

Auf einen beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels, der bis zum Ende des Jahrhunderts erwartet werde, bereite man sich dennoch schon jetzt vor, erklärt Hendrik Brunckhorst, Sprecher des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz. So würden etwa neue Deiche einen halben Meter höher und mit doppelt so breiter Krone gebaut. Auch für die Nordseeküste gebe es bereits spezielle Strategien, die sich mit der Gefahr eines schneller steigenden Meeresspiegels auseinandersetzten. Zum Schutz der Halligen sei eine eigene Arbeitsgruppe gegründet worden.  dpa

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