Langjähriger Familienanwalt Claussen ist nun Justizminister

Norddeutsch gelassen

Zum Aufhängen neuer Bilder war noch keine Zeit: Justizminister Claus Christian Claussen in seinem Büro. Foto: dpa

Kiel - Von Andre Klohn. Minister in Kiel: Als Kind in Bargteheide hat ihm das noch Angst gemacht. „Als mein Vater Sozialminister in Schleswig-Holstein wurde, war ich in der vierten Klasse und hatte natürlich sofort Schiss, dass wir von zu Hause wegziehen müssen“, erinnert sich Claus Christian Claussen. „Das habe ich meinen Eltern auch gesagt.“ Mit 59 Jahren ist der CDU-Politiker nun selbst Minister in Kiel, genauer gesagt Justizminister. Ein Amt, das von 1979 bis 1983 auch sein Vater Karl Eduard Claussen ausübte.

Dessen vier Kinder haben verschiedene Ansichten darüber, was der verstorbene Vater zu der Berufung des Juristen ins Kabinett von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) gesagt hätte. „Er hätte sich gefreut und mit einem ,gar nicht schlecht‘ oder einem ,Donnerwetter‘ reagiert“, so der neue Ressortchef. Er profitierte nach dem überraschenden Aus von Ex-Innenminister Hans-Joachim Grote im April vom Nachrücken von Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack auf dessen Posten.

Claussen praktizierte bis zu seiner Berufung Anfang Mai als Familienanwalt und Notar. Erst seit 2017 sitzt der fünffache Vater im Landtag, leitete dort den Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Affäre um Fehler von Polizei und Staatsanwaltschaft bei früheren Ermittlungen gegen Rocker. Claussen strahlt norddeutsche Gelassenheit aus, wirkt besonnen und abgeklärt. „Ich bin nicht jemand, der übertrieben hektisch reagiert.“

Das musste auch Regierungschef Günther feststellen. Auf das Angebot, ins Kabinett aufzurücken, erbat sich Claussen einen Tag Bedenkzeit. „Weil das jetzt doch mein normales Leben ziemlich umkrempelt.“ Da ein Minister keinen anderen Beruf ausüben darf, musste Claussen sich als Notar beurlauben lassen. Die Geschäfte in der eigenen Kanzlei in Bargteheide führen ein Vertreter und die Lebensgefährtin weiter. „Mir ist natürlich wichtig, dass ich meinen Beruf, wenn die Zeit hier zu Ende ist, auch wieder ausüben kann. Das ist ja meine Existenzgrundlage.“

Vor rund 40 Jahren hing sein Leben am seidenen Faden. Als 20-Jähriger wurde Claussen auf dem Heimweg mit dem Motorrad von der Marineunteroffiziersschule in Plön von einem Unimog überfahren. Zwei Insassen eines nachfolgenden Autos starben bei der Kollision mit diesem Fahrzeug. Claussen lag fünfeinhalb Monate im Krankenhaus. Ein Bein wurde durch den Unfall oberhalb des Knies zertrümmert und musste amputiert werden.

„Ich freue mich jedes Mal wieder, wenn ich darüber nachdenke, dass ich das Ganze überlebt habe“, sagt Claussen. Wäre er einen Tick schneller gewesen, wäre womöglich nichts passiert. Eine Winzigkeit später wäre er vermutlich an den Folgen des Unfalls gestorben. „Insofern war es vielleicht nicht der beste Platz, wo man in dem Moment hätte sein können, aber eben auch nicht der schlechteste.“ Geblieben sind gelegentliche Phantomschmerzen und Bewegungseinschränkungen durch die Prothese.

Geholfen haben Claussen in seiner schweren Zeit, als er mit diesem Schicksalsschlag klarkommen musste, die vielen Besuche seiner Eltern und seiner Freunde. Auch deshalb sieht der Jurist die Besuchsverbote für Krankenhäuser und Altenheime in der Coronakrise kritisch. „Gesundheitsschutz ist wichtig, aber Freiheit und Geborgenheit sind auch bedeutend.“

Von seinem Schreibtisch blickt Claussen auf den Kleinen Kiel, einen ehemaligen Seitenarm der Kieler Förde. An der weißen Wand zeugen Haken von Bildern, die seine Vorgängerin hier aufgehängt hatte. Zeit für das Aufhängen neuer Bilder gab es noch nicht. Im Landeshaus teilt sich Claussen, der sein Mandat behält, ein halb so großes Büro mit dem CDU-Kollegen Lukas Kilian.

Claussens Vater war unter Gerhard Stoltenberg und Uwe Barschel zunächst Sozial-, dann Justiz- und bis 1988 Innenminister. Die damalige CDU war noch ein ganzes Stück konservativer als die heutige Regierungspartei. Ob der Vater politisches Vorbild gewesen ist? „Das ist ein bisschen schwierig“, sagt Claussen. „Ich hatte aber ein wirklich gutes Verhältnis zu ihm.“ Nach dessen Abschied aus der Politik habe auch sein Vater noch als Anwalt in seiner Kanzlei gearbeitet.

„Ruhig, fröhlich, gelassen“, so beschreibt sich Claussen. Wenn er abends erschöpft nach Hause kommt, sorgt die dreijährige Tochter dafür, dass er rasch runterkommt. „Was mich sehr erdet, ist, wenn ich dann unmittelbar aufgefordert werde, Playmobil zu spielen.“ Die Zeit mit Kindern sei wohltuend. „Da ist man nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt.“  dpa

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